Angebot an Lehrstellen höher als Nachfrage

Vor allem im Handwerk: Lehrlinge werden noch händeringend gesucht

Werra-Meißner. Junge Menschen, die im Werra-Meißner-Kreis eine Ausbildung beginnen wollen, haben derzeit beste Chancen. Denn das Angebot an Lehrstellen übersteigt die Nachfrage.

Folge: Dutzende Stellen sind noch unbesetzt und schon jetzt ist klar, dass bei weitem nicht alle Betriebe die gewünschten Azubis finden werden. Insbesondere das Handwerk sucht händeringend nach Lehrlingen.

Das bestätigt Stephan Schenker, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Bedarf herrsche bei allen Branchen, besonders groß sei er aber bei den Bäckern und Fleischern. Bei den Bewerbern werde deshalb weniger auf Schulnoten als auf Wille und Engagement geachtet, so Schenker. Die Betriebe setzten stärker auf Praktika und Probearbeit als Türöffner. So würden Jugendliche den Beruf in der Realität kennenlernen und persönlich erfahren, ob er für sie attraktiv und der gewählte Betrieb erfolgreich ist.

Nur wenige Bewerber

Wer Interesse und Engagement zeigt, erhält heute einen Lehrvertrag - auch wenn das Zeugnis nicht so gut ist. Das sagen auch Martin Stange, Obermeister der Bäckerinnung, und Markus Dreßler, Obermeister der Fleischerinnung. Denn wo sie früher unter vielen Bewerbern die besten auswählen konnten, sind sie heute froh, überhaupt geeignete Kandidaten zu finden. Die Zahlen machen es deutlich: 2015 fing kein Jugendlicher im Kreis eine Bäckerlehre an, 2016 sind es bislang zwei. Ähnlich sieht es bei den Fleischern aus. Dieses Jahr hat noch kein Jugendlicher einen Lehrvertrag unterschrieben, 2015 war es einer.

Gründe für den Mangel sehen Stange und Dreßler im demografischen Wandel und in der längeren Schulzeit vieler Jugendlicher, die häufig nicht mehr nach der 9. oder 10. Klasse abgingen, um einen Beruf zu erlernen. Dabei würden die guten Zukunftsperspektiven im Handwerk, wie hohe Identifikation mit dem Job und der Region sowie Krisensicherheit, häufig verkannt.

„Wer bei uns eine Ausbildung macht, hat mit Sicherheit einen krisensicheren Job und ist nie wieder arbeitslos.“ Denn frisches Brot und würzigen Aufschnitt will jeder täglich auf dem Tisch haben. Deshalb wollen die Obermeister der Bäcker- und der Fleischerinnung, Martin Stange und Markus Dreßler, das Positive an einer Lehre in ihren Betrieben in den Vordergrund setzen.

Denn es bringe nichts, nur auf die Probleme zu schauen. „Wir müssen den Spieß umdrehen und den jungen Leuten ein positives Bild von den klassischen Handwerksberufen vermitteln“, sagt Dreßler. Es wirke eher abschreckend wenn ständig betont werde, dass zu wenig Jugendliche den Beruf des Fleischers oder Bäckers erlernen wollen.

„Statt dessen müssen wir den potenziellen Lehrlingen vermitteln: Du darfst bei uns mitmachen und bei der Herstellung feiner Backwaren oder Ahler Wurscht helfen. Du kannst etwas herstellen, was den Kunden schmeckt. Was du bei uns lernst, ist ein super Beruf!“, sagt Dreßler.

Image der dualen Ausbildung verbessern

Tatsächlich tun Kreishandwerkerschaft und Ausbildungsbetriebe viel, um das Image der dualen Ausbildung - also die parallele Ausbildung in Betrieb und Berufsschule - zu verbessern und junge Leute medial mit Informationen zu versorgen. Beispielsweise mit einer Facebook-Seite und dem „Lehrstellen Radar 2.0“, den man als App herunterladen kann, und über den Jugendliche passende Ausbildungsbetriebe und Praktika-Plätze finden können. Dazu kommen Info-Veranstaltungen für Schulabgänger nach Klasse neun und zehn, von denen es - anders als noch vor zehn bis 20 Jahren - immer weniger gibt. „Wir stehen leider immer stärker in Konkurrenz zu den Schulen, die bei den Jugendlichen ebenso wie wir für ihre Angebote werben, beispielsweise für den Besuch der Fachoberschule“, sagt Martin Stange. „Früher gab es viele Hauptschüler, die nach der neunten Klasse abgingen, um einen Beruf zu erlernen. Wir hatten genug Bewerbungen auf dem Tisch, um uns die besten auszusuchen. Das ist heute ganz anders.“

Auch Stephan Schenker, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Werra-Meißner, übt Kritik an der aktuellen Bildungspolitik, in der die klassische Lehre schlecht geredet und mit einem negativen Image versehen werde. Zu Unrecht, findet Schenker. Er ist überzeugt: „Deutschland und sein Wohlstand profitieren bis heute von der Leistung des Handwerks.“ Deshalb dürften Karrierechancen, beispielsweise durch Abschaffung der Meisterpflicht wie im Fliesenlegerhandwerk, nicht weiter beschnitten werden.

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