Neujahrsempfang: Evangelische Kirche und Gesellschaft diskutieren über Inklusion

Anders sein soll im Kreis ganz normal werden

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Chor der Werraland-Werkstätten mit zum Teil selbstge-schriebenen Liedern rundeten die Werraland-Sänger den Neujahrsempfang der evangelischen Kirche musikalisch ab.

Eschwege. In der Kindertagesstätte am Schwanenteich ist es normal, anders zu sein. Kinder mit Behinderung nehmen hier an allen Aktivitäten völlig gleichberechtigt teil.

Präses Ludger Arnoldt, Vorsitzender der Kreissynode, begrüßte die Gäste zum Neujahrsempfang des Kirchenkreises.

„So können alle Kinder nicht nur miteinander, sondern auch voneinander lernen“, sagte die Leiterin, Susanne Roth-Graulich. Während sie sprach, übersetzte Gehörlosen-Seelsorger Matthias Heinisch ihre Worte in die Gebärdensprache.

Dolmetscher Matthias Heinisch übersetzte für Gehörlose in die Gebärdensprache.

Auf dem Neujahrsempfang des evangelischen Kirchenkreises Eschwege in der Marktkirche stand in diesem Jahr das Thema „Inklusion“ von Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt. Und die geladenen Vertreter aus Kirche, Politik und Gesellschaft sprachen aus gutem Grund über darüber. Denn durch die Initiative von Landrat Stefan Reuss wurde der Werra-Meißner-Kreis zur Modellregion für Inklusion und berufliche Teilhabe in Hessen erhoben.

Mit den Werraland-Werkstätten und dem Verein „Aufwind“ in Eschwege und Wit-zenhausen, sowie mit dem Verein Lichtenau e.V. in Hessisch Lichtenau arbeiten gleich drei Einrichtungen mit vielen neuen Ideen daran, Menschen mit Behinderung eine Chancengleichheit im gesellschaftlichen Leben ebenso wie in der täglichen Arbeitswelt zu ermöglichen. Genau das bedeutet Inklusion, Menschen mit Behinderung vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen und sie eben nicht nur als eine gesonderte Gruppe in die Gesellschaft zu integrieren.

Schulze und Schulze: Pfarrer Jan-Peter (rechts) und Matthias aus dem Kirchenvorstand von Germerode, der 24 000 Euro für den Erhalt der Klosterkirche sammelte.

2009 hat Deutschland die UN-Menschenrechtskonvention über die Rechte von Men-schen mit Behinderung unterzeichnet, und sich damit verpflichtet, geeignete Maßnahmen zu treffen, um Menschen mit Behinderungen einen angemessenen Lebensstandard und sozialen Schutz zu sichern. Dass es in diesem Punkt noch gilt, Barrieren abzubauen, verdeutlichte der Leiter der Werraland-Werkstätten, Gerd Hossbach, als er über die hohe Arbeitslosigkeit bei schwerbehinderten Menschen sprach. So seien Unternehmen ab einer bestimmten Zahl von Arbeitsplätzen verpflichtet, fünf Prozent Arbeitnehmer mit Behinderung einzustellen. 60 Prozent dieser Unternehmen erfüllten diese Auflagen aber nicht. „Erfolg sieht anders aus“, sagte Gerd Hossbach dazu.

Der Arbeitslosigkeit versuchen Integrationsfirmen zu begegnen. Im Werra-Meißner-Kreis haben sich die Werraland-Werkstätten, die Gemeinnützigen Werkstätten Eschwege (Aufwind) und der Verein Lichtenau e. V. deshalb zum Projekt „Zukunft: Arbeit“ zusammengeschlossen und konnten damit bereits 100 Menschen mit Schwerbehinderung einen Arbeits-platz bieten. Bis 2020 sollen es 200 Plätze werden. Zudem arbeiten mittlerweile 90 Werk-stattmitarbeiter der Einrichtungen in regionalen Firmen auf Außenarbeitsplätzen.

Volker Reimann und Daniel Schindewolf vom Gremium Werkstattrat bestätigten aus eigener Sicht, wie wichtig es für Menschen mit Behinderung ist, Anerkennung durch und mit ihrer Arbeit zu erlangen. „Es müssen aber noch viele Barrieren in den Köpfen abgebaut werden, damit wir die Unterstützung der Arbeitgeber erhalten, die wir brauchen“, sagte Volker Reimann.

Mit Barrieren hatte auch die Kirchengemeinde der Auferstehungskirche zu tun, so Kirchenvorstand Petra Rieger. Durch das Engagement der Gemeindemitglieder gelang es hier, einen barrierefreien Zugang zur Kirche auf dem Heuberg zu bauen, für immerhin 39 000 Euro, damit nun auch wieder Rollstuhlfahrer, ältere Menschen und Mütter mit Kinderwagen zum Gottesdienst nach oben kommen können.

Geld sammelten auch andere Gemeinden, so etwa die Neustädter Kirche 7.500 Euro für die Türerneuerung, Datterode 5000 Euro für das Fresko in der Kirche und Germerode sogar 24.700 Euro für die Erneuerung der Klosterkirche. Diese Beträge wurden durch die Kirchenerhaltungsstiftung des Kirchenkreises noch einmal aufgestockt. „Innerhalb der fünf Jahre seines Bestehens konnte die Stiftung insgesamt 131 900 Euro für 18 Projekte an die Kirchenvorstände übergeben“, sagte der Vorsitzende, Andreas von Scharfenberg.

Der Chor der Werra-Land-Werkstätten rundete das Programm mit zum Teil selbstge-schriebenen Liedern ab. Anschließend diskutierten die Gäste bei Sekt und Leckereien, die von den Besuchern der Werkstatt junger Menschen gebacken worden waren und von diesen auch gereicht wurden.

Von Kristin Weber

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