Angeklagter schwer depressiv?

Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung und Erpressung vorerst ohne Urteil

Eschwege. Der Prozess gegen zwei Männer aus Bebra und Bad Hersfeld vor dem Eschweger Amtsgericht hat gestern ein plötzliches Ende genommen – ohne Urteil. Dem Antrag der Verteidigung auf ein psychologisches Gutachten eines der Angeklagten wurde vom vorsitzenden Richter Dr. Alexander Wachter stattgegeben.

Den beiden Männern, 39 und 27 Jahre alt, wird vorgeworfen, im Juli 2013 einen damals bei einem Eschweger Autohaus angestellten Mitarbeiter aufgesucht zu haben, um von diesem Geld zu fordern, das das Opfer einem der Angeklagten schuldete. Sie sollen auf den Mann, der in die Werkstatt des Autohauses geflüchtet sein soll, mit Fäusten und einem Schlagstock eingeschlagen haben. Das Opfer zog sich eine Platzwunde am Kopf, Prellungen und eine chronische Hörschädigung zu.

Vor Gericht gab das Opfer, das auch als Nebenkläger auftrat, an, dass es sich bei den Schulden um Ausstände aus Drogengeschäften handele und es schon vor der benannten Tat massive Drohungen gegen ihn gegeben habe. Daher habe er auch wenige Tage vor der körperlichen Auseinandersetzung Strafanzeige gegen einen der Angeklagten gestellt. Am Tattag selbst habe er vorgehabt, in der Mittagspause eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Warum er dann aber dem im Autohaus auftauchenden 39-Jährigen gutgläubig nach draußen gefolgt war, war an diesem ersten Prozesstag eine der zentralen Fragen. Dass er nur „an das Gute im Menschen“ geglaubt habe, wollte ihm der anwesende Staatsanwalt angesichts der Vorgeschichte nicht glauben. „Gutgläubig? Da steigt mein Puls, wenn ich so wirre Aussagen höre“, sagte er.

Verwirrung kam erst recht auf, als Verteidiger Hans Hauschild aus einer Aussage des Opfers bei der Polizei zitierte, die weder Staatsanwaltschaft, noch dem Gericht und der Nebenklage vorlag. Dieser wurde spontan für alle Beteiligten kopiert, der Prozess zum ersten Mal vorübergehend unterbrochen.

Die Befragung des mutmaßlichen Opfers dauerte knapp zwei Stunden. Die Vergangenheit als Drogenabhängiger wurde dabei ebenso thematisiert, wie das inzwischen beendete Arbeitsverhältnis im Autohaus. Dort wurde dem Mann gekündigt, weil er fälschlicherweise angegeben hatte, einen Führerschein zu besitzen. „Es geht hier darum, dass der Zeuge fortwährend lügt“, so Verteidiger Hauschild.

Bevor weitere Zeugen befragt werden konnten, bat Verteidiger Artak Gaspar um das Wort und überraschte mit dem Antrag auf ein Gutachten, das belegen soll, dass der ältere der beiden Angeklagten zur Tatzeit wegen des Todes zweier junger Verwandter schwer depressiv gewesen und deshalb gar nicht fähig gewesen sei, die ihm vorgeworfene Auseinandersetzung zu führen. Daraufhin wurde der Prozess auf einen späteren Zeitpunkt vertagt. Beide Angeklagten hatten angegeben, sich zu den Vorwürfen nicht äußern zu wollen.

Von Lasse Deppe

Kommentare