Erzieherinnen und Eltern laufen Sturm gegen Entwurf des Kinderförderungsgesetzes

Angst um die Standards

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Größere Gruppen und weniger qualifiziertes Betreuungspersonal bringt das hessische Kinderförderungsgesetz nach Ansicht der Betroffenen mit sich, wenn es im vorliegenden Entwurf verabschiedet würde.

Eschwege. Erzieherinnen und Eltern fürchten um die Qualität der Betreuung in den Kindertagesstätten. Anlass ist der jetzt vorliegende Entwurf des hessischen Kinderförderungsgesetzes.

Am Dienstagabend liefen Betroffene während einer Podiumsdiskussion der Liga der Freien Wohlfahrtspflege im E-Werk in Eschwege Sturm gegen das Vorhaben.

Wie so oft geht es ums Geld. Bis zu sechzehn Kinder unter drei Jahren in einer Gruppe, betreut von zwei Erwachsenen, die nicht zwingend beide eine Ausbildung zum Erzieher haben müssen, höchstens zweiundvierzigeinhalb Stunden Öffnungszeit pro Woche: Nur noch für diesen Standard sollen die Kindertagesstätten Geld bekommen. So sieht es das Kinderförderungsgesetz in der jetzt vorliegenden Fassung vor.

Sind alle Kinder älter als zwei Jahre und wird die neue Möglichkeit des Platz-Sharing genutzt, dürfen sogar noch mehr Kinder in einer Gruppe untergebracht werden.

Extra-Betreuungsstunden für Mädchen und Jungen mit Behinderung oder Zeiten für Aufgaben, die über das Tagesgeschäft hinausgehen, sind gar nicht mehr vorgesehen. Fehlzeiten durch Krankheit, Fortbildung und Urlaub sind nach Auffassung der Tagesstättenleitungen in den Planungen viel zu niedrig angesetzt. „Die Kindertagesstätten sind nicht mehr arbeitsfähig, wenn der Entwurf eins zu eins umgesetzt wird“, fürchtet Markus Keller von der Diakonie.

„Unsere Gruppen sind auf zehn Kinder ausgelegt, nicht auf sechzehn“, kritisierte Angelika Hantscher von der Arbeiterwohlfahrt den Eingriff in die Strukturen. „Das geht auf Kosten elementarer Bildungsarbeit“, ergänzte Regine Haber-Seyforth vom Diakonischen Werk. Kürzere Öffnungszeiten auf Kosten der Betreuung in den Randzeiten sieht sie als Folge.

Landrat Stefan Reuß sowie die Bürgermeister Friedel Lenze (Berkatal) und Frank Hix (Bad Sooden-Allendorf) vertraten die Kommunen auf dem Podium und machten deutlich, dass sie an den vorhandenen Standards festhalten wollen. Für Landrat Reuß sind gute Tagesstätten auch ein Standortfaktor: „Wenn wir wollen, dass Familien hier wohnen, selbst wenn sie woanders arbeiten, müssen wir auf hohe Qualität setzen.“ Die Qualität habe bisher nicht zur Diskussion gestanden, so Bürgermeister Hix, „die Gebühren für die Eltern werden aber in den nächsten Jahren drastisch steigen.“ Für Friedel Lenze findet die Diskussion über das Gesetz unter dem Einfluss des Schutzschirms statt. „Der Schutzschirm schützt uns nicht unbedingt, er hilft uns nur, unsere Bürger mehr auszupressen“, so Lenze.

Von Harald Sagawe

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