Reportage: Abendessen aus dem Müll - "Containern" im Werra-Meißner-Kreis

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Brot, Gebäck, Radicchio, Tomaten, Pastinaken, Gurken, Ingwer, Zwiebeln, Apfel, Rote Bete, Sojajoghurt, Agavensirup, Kürbisse: All das und noch viel mehr ist das noch essbare Ergebnis einer einzigen "Tour", wie Containerer es nennen.

Werra-Meißner. Vor kurzem mussten sich drei Studenten vor Gericht wegen "Containerns" verantworten. Gemeint ist damit, Lebensmittel aus Mülltonnen oder Abfallcontainern mitzunehmen. Im Kreis gibt es etliche Menschen, die das aus finanziellen oder ideellen Gründen tun. Wir haben drei begleitet.

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Es ist Dienstagabend, 22 Uhr, nach Ladenschluss, als sich Tanja G.*, Christoph B. und Lukas K. auf den Weg zu ihrer "Tour" machen. So nennen die drei Studenten es, wenn sie losfahren, um in Mülltonnen und Containern von Bäckereien und Supermärkten nach Lebensmitteln zu suchen.

Für heute haben sie sich ein Auto geliehen mit einem geräumigen Kofferraum. Zuerst fahren sie eine Bäckerei in einem Wohngebiet an, denn dort, das wissen sie, ist es besser, früh da zu sein. Schon beim Aussteigen riecht es nach frisch gebackenem Brot. Tanja, Christoph und Lukas kennen den Container und wissen, dass er einen hydraulischen Deckel hat, den man aufpumpen muss. Doch die Metallstange dafür ist nicht da. Lukas versucht es mit einem Stock. Ein Radfahrer fährt vorbei und schaut kurz, was sie dort machen. Tanja klettert am Container hoch und versucht, den Deckel aufzudrücken - vergeblich. "Es kommt schon mal vor, dass man leer ausgeht", sagt Christoph. Doch das ist eher selten. Seit vier Jahren deckt er den Großteil seines Bedarfs durch Containern.

Die nächste Anlaufstelle sind die Tonnen an der Rückseite eines Biomarktes. Tanja hebt einen Deckel an: Die Tonne ist mit Gemüseabfällen gefüllt, teilweise matschig, doch das schreckt sie nicht ab. Sie zieht sich Handschuhe an und wühlt im welken Salat. "Offenbar war schon jemand da", sagt sie. Der erste Fund ist eine Pastinake, eine kleine zwar, aber in gutem Zustand. Christoph leuchtet mit der Taschenlampe, Tanja krabbelt kopfüber in die Tonne hinein und sortiert Äpfel, Zwiebeln, Brokkoli und Tomaten. Eine halbe Kiste davon nehmen sie mit. Zu zweit tragen sie die Box zum Auto, vorbei an einer Gruppe junger Leute. Angst, erwischt zu werden, haben sie nicht.

Die letzte Station ist das Gelände eines Gemüsehandels. Sieben grüne Biotonnen stehen dort dicht aneinandergereiht, alle sind bis zum Rand gefüllt: Eine Tonne voll Tomaten, Radicchio, Gurken, Zucchini, Kürbisse, Orangen und Bohnen. Der Zustand des Gemüses ist überwiegend gut. Die Tomaten sind nur zum Teil geplatzt. Christoph wischt eine trocken und steckt sie sich in den Mund. Lukas geht los, um von irgendwoher alte Holzkisten zu holen.

Eine Tonne voll Tomaten: Sie sind zum Teil zermatscht oder angeschimmelt, die meisten sind aber noch gut, weshalb Christoph B. sich ein paar davon direkt aus der Mülltonne in den Mund steckt. Einen Plastikkorb voll nehmen die Containerer mit.

Ein Lastwagen fährt auf das Gelände, der Fahrer steigt aus und grüßt, während Tanja, die eine Stirnlampe auf dem Kopf trägt, in aller Ruhe die Bohnen sortiert. Sie grüßt freundlich zurück. Es ist nicht zu übersehen, was sie hier tut, aber es stört auch niemanden. Lukas kommt zurück. Außer Holzkisten hat er sechs Flaschen Agavensirup dabei. Verfallsdatum: Dezember 2014.

In dieser Nacht werden Tanja, Christoph und Lukas noch einmal zum ersten Container zurückfahren, eine Eisenstange finden und ihn aufhebeln. Die Brote, die sie dort finden, werden sie mit anderen teilen. Denn das, was sie in nur einer Nacht aus den Mülltonnen der Region gefischt haben, ist für sie allein viel zu viel.

*Namen von der Redaktion geändert

Von Sina Beutner

 

Was die drei bei ihren Container-Touren schon alles gefunden haben, lesen Sie in der gedruckten Samstagsausgabe der Werra-Rundschau.

Bilder vom Containern:

Beim Containern live dabei

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