93-Jährige wieder vor Gericht

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Gestützt von einer Bekannten verlässt Ursula Glorius gestern Vormittag das Eschweger Amtsgericht. Die 93-Jährige weiß nicht, wie oft sie schon in dieser Sache hier war, kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum.

Eschwege. Gestern wurde am Amtsgericht die Beweisaufnahme im Verfahren wegen Beleidigung fortgesetzt und beendet, das als Folge eines eingestellten Strafprozesses wegen Ruhestörung zustande kam. Vorgeschichte:

Die heute 93-jährige Ursula Glorius erhielt im September 2010 einen Bußgeldbescheid des Ordnungsamtes, weil sie ihren Fernseher angeblich zu laut eingestellt hatte. Die alte Dame ist von Nachbarn angezeigt worden. Gegen den Bescheid hat ihr Anwalt Widerspruch eingelegt. Ein erstes Verfahren im Februar 2011 brachte keine Klarheit, wurde abgebrochen, um ein Schallgutachten einzuholen. Das half auch nicht weiter, weil es nichts aussagte zur Lautstärke zu den Zeitpunkten, die die Klageführer protokolliert hatten.

Das zweite Verfahren im Februar 2012 führte zur Einstellung, die Kosten gingen zu Lasten der Staatskasse.

Ob in diesem Prozess beleidigende Äußerungen der Beklagten gefallen sind, war gestern Gegenstand. Dabei kam es zu der nicht alltäglichen Konstellation, dass die Zivilrichterin ihre Kollegin Kirsten Schmidt in den Zeugenstand rufen musste, die für die Strafsache zuständig war. Die konnte sich zwar an einen „sachlichen Ablauf in gereizter Atmosphäre“ erinnern, nicht aber an Wortlaute wie „bösartig“ oder „mit dem Knüppel gegen mein Fenster geschlagen“. Das aber will der seinerzeit als Zuhörer anwesende jetzige Anwalt der Klägerin K. gehört haben. Die Zeugin sagte weiter, wenn es entsprechende beleidigende Äußerungen gegeben hätte, hätte sie mit und ohne Protokollantin einen Vermerk gemacht. Polizistin L. musste als Zeugin einräumen, nicht mehr zu wissen, ob sie überhaupt bei einem Polizeieinsatz vor Ort dabei war und dass darüber kein Aktenvermerk angefertigt worden sei. Letzteres sei ungewöhnlich, es spreche aber dafür, dass nichts Besonderes vorgefallen sei.

Obgleich von Glorius' Rechtsanwalt Thomas Harmony als Zeuge benannt, war K., Ehemann der K., nicht geladen und auch nicht erschienen. Letztendlich verzichtete Harmony auf ihn „in dieser Instanz“.

Nicht verzichtet hat er auf Konter auf ständige Zwischenbemerkungen von K.s Anwalt. Als dieser aus einem ärztlichen Gutachten „mittelgradige Mittelohrschwerhörigkeit“ der G. zitierte, warf Harmony ihm vor, nicht vollständig zitiert zu haben. In dem Attest vom April 2011 war nämlich auch die Rede davon: „G. hat ein ausreichendes Hörvermögen und kein Hörgerät nötig.“

Sei es wie es sei, Ursula Glorius wird im Januar 94 Jahre alt und wenn sie Glück hat, findet die wechselseitige Unterlassungsklage bis dahin ein Ende. Das Urteil soll am 13. Dezember verkündet werden.

Glück hat die alte Dame gestern insofern schon gehabt, als sie um 11 Uhr wieder zu Hause war. Da kam eine ihrer Lieblingssendungen im Fernsehen - Richterin Barbara Salesch.

Von Helmut Mayer

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