Harald Nolte von der Suchtprävention

Handysucht: Es gibt keine Diagnose - aber Symptome

Permanent am Smartphone: Mittels einer App oder eines Tests im Internet kann jeder selbst testen, ob er zu oft zum Handy greift. Foto:  Archiv

Werra-Meißner. Permanent beschäftige sich ihr Mann mit seinem Smartphone, egal, ob er Auto fahre oder kurz vorm Einschlafen ist oder Fernsehen schaut, schreibt eine Leserin an unsere Zeitung.

Auf ihre Bitten, es doch mal gut sein zu lassen, wird mit der ständigen Erreichbarkeit für den Arbeitgeber argumentiert. Sie möchte wissen, ob ihr Mann bereits süchtig nach seinem Handy ist - gesprochen haben wir darüber mit Harald Nolte von der Eschweger Fachstelle für Suchtprävention.

Herr Nolte, gibt es die eine Handysucht?

Harald Nolte: Im klassischen Sinne nicht, da es dafür keine Diagnose gibt. Die gibt es nur für den Alkohol, Drogen und das Glücksspiel. Deshalb gibt es das Phänomen, das von der Leserin beschrieben wird, noch nicht als anerkannte Sucht. Derzeit wird aber daran geforscht, ob Medien, zu denen die Smartphones ja auch zählen, süchtig machen kann. Studien dazu gibt es aber noch wenige.

Sind die Menschen, die gar nicht mehr von ihrem Handy loskommen, also nicht süchtig?

Nolte: Zumindest nicht anerkannt. Es ist jedoch vermehrt eine Art abhängiges Verhalten zu beobachten. Es gibt sieben Faktoren, die bei anerkannt süchtigen Menschen beobachtet worden sind, die man auch auf eine Abhängigkeit vom Smartphone übertragen könnte: 

• die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Smartphone, auch wenn es gerade nicht benutzt, 

• die zwanghafte Ausdehnung der mit dem Smartphone verbrachten Zeiträume: Man greift immer häufiger zum Handy und ist immer weniger bereit, es wegzulegen,

• Ruhelosigkeit und Reizbarkeit, wenn man versucht, das Handy über einen längeren Versuch wegzulegen

• Häufigere Nutzung des Handy, als man sich eigentlich vorgenommen hat,

• Soziale Kontakte werden vernachlässigt, weil die Beschäftigung mit dem Handy in den Vordergrund rückt,

• Belügen von anderen Menschen, was die Zeit, die man mit dem Smartphone verbringt, angeht

• und mit dem Smartphone online zu gehen, um Problemen auszuweichen.

Stellt man das an sich oder einem anderen fest, ist man also süchtig?

Nolte: Zumindest ist es ein exzessives Verhalten, was sich zu einer Sucht steigern kann. Das tückische an dem heutigen Smartphones ist, dass es sich um ein Multifunktionsgerät handelt und es viele Gründe geben kann, warum man es benutzt. Wie oft man es benutzt, findet zum Beispiel die App Mental heraus, die von Mitarbeitern der Universität Bonn entwickelt wurde.

Was kann man machen, um seinen Handykonsum zu reduzieren?

Nolte: Derzeit fragen vor allem Eltern danach, die sich um ihre Kinder sorgen. Wegnehmen ist da die schlechteste Lösung, vielmehr muss eine Balance gefunden werden. Die kann zum Beispiel so aussehen, dass man handyfreie Zonen oder Zeiten zuhause einführt, an die sich natürlich auch die Eltern halten müssen. Die sind ja ein Vorbild.

Eine gute Sache ist auch ein Mediennutzungsvertrag: Der kann auf der gleichnamigen Internetseite heruntergeladen werden und wird sowohl von Kindern als auch von Eltern ausgefüllt. Festgehalten werden dort auch Sanktionen, sollte man den Vertrag nicht erfüllen.

Bei Jugendlichem handelt es sich bei einer exzessiven Nutzung meiner Meinung nach aber eher um eine soziales Problem, weil sie sich ohne ihr Smartphone von ihrem Freundeskreis ausgeschlossen

Hintergrund:

Die hessische Landesstelle für Suchtfragen (HLS) hat unter Leitung des Medienpädagogen Patrick Durner ein virtuelles Selbsthilfeprojekt entwickelt: webcare.

Diese Seite bietet Menschen eine niedrigschwellige Anlaufstelle, wenn sie glauben, sich zuviel mit ihrem Handy oder Smartphone zu beschäftigen - nach Wunsch auch anonym. Durner sieht in der Smartphone-Nutzung auch einen Schaden für die Arbeitgeber: Dadurch, dass die Arbeitnehmer permanent durch die Smartphones abgelenkt seien, würde ihre Produktivität sinken, bei der Bedienung von schweren Maschinen könne es zudem auch zu einer Gefährdung von Menschenleben kommen. (cow)

Das Selbsthilfeprojekt gibt es im Internet unter

https://hls-webcare.org

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