"Umarmungsgefühle des Mauerfalls waren verflogen"

Sigrid Erfurth leistete Aufbauhilfe in Halle

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Aufbauarbeit: Sigrid Erfurth arbeitete nach der Wende in Halle-Neustadt – ursprünglich erbaut als Musterstadt der DDR. Unser Bild zeigt den Bau der „Scheiben“ genannten Hochhäuser und stammt aus dem Buch „Zwei an der Saale - Halle und Halle Neustadt“ von Gerald Große und Hans-Jürgen Steinmann, VEB F.A. Brockhaus Verlag (Leipzig 1979).

Werra-Meißner/Halle. Ob sie sich damals wie ein Eindringling fühlte? „Ein Fremdkörper, ja", sagt Sigrid Erfurth (Grüne) über ihre Zeit in Halle-Neustadt.

Es war 1991, Deutschland war wieder vereint und westdeutsche Experten eroberten die neuen Bundesländer.

Sigrid Erfurth

Es gab viel zu tun: Behörden mussten neu aufgebaut werden, neue Amtsleiter wurden gesucht, die DDR-Architektur in BRD-Form gegossen. „Es war eine historische Situation“, sagt die Finanzbeamtin Erfurth heute, 23 Jahre später, als hessische Landtagsabgeordnete. Und im gleichen Atemzug: „Doch die Umarmungsgefühle des Mauerfalls waren verflogen. Im Osten hatte sich Ernüchterung eingestellt.“

Als Finanzbeamtin in Göttingen wurde sie von November bis Dezember 1991 nach Halle-Neustadt in Sachsen-Anhalt geschickt. Ausgerechnet in die Musterstadt der DDR: berüchtigter Plattenbau, hochgezogen seit 1963, Blaupause des sozialistischen Städtebaus. Es galt, das West-Steuersystem zu etablieren. Erfuth meldete sich freiwillig, da war sie 35. „Da war Neugier. Ich war heiß darauf, wollte sehen: Was geht da eigentlich ab?“ Um die ostdeutschen Beamten in Steuersachen zu schulen, rotierten alle zwei Monate acht bis zehn Göttinger Experten nach Halle.

Umzug war Option

„Mein Mann und ich hatten damals ein Häuschen in Herleshausen“, erinnert sich Erfurth. „Dennoch, Halle hätte zur Daueroption werden können.“ Sie ging nach Neustadt, arbeitete in der Scheibe C, einem 18-Geschosser aus Beton mitten in der 90 000-Menschen-Stadt.

In Halle-Neustadt spürte sie wenig von der Wende-Euphorie der Jahre zuvor. „Wir waren in einer neuen Phase. Viele ostdeutsche Köpfe hatten sich abgekühlt.“ Vereinzelte, findige West-Goldgräber, wie Erfurth sie nennt, hatten mit faulen Versicherungs- und Autoverkäufen die Aufbruchsstimmung in Skepsis verwandelt, die Treuhandgeschäfte schürten in Halle und anderswo leise Ängste. „Die Hallenser waren uns gegenüber zugeknöpft“, sagt Erfurth - sowohl die Gastgeber in der Privatpension am Rande der Stadt, als auch die neuen Kollegen in Scheibe-C. „Wir Leute aus dem Westen bildeten in diesen Tagen zwangsläufig so etwas wie eine isolierte Kaste“, erinnert sich Erfurth.

Denkt sie an das Halle von damals, sieht sie diffuse Laternen in leeren Straßen. Dass sich seither viel getan hat, weiß sie aus Erzählungen. Außer Stippvisiten für Grünen-Parteitage hat sie Halle keinen Besuch mehr abgestattet.

Woher kam das Gefühl, ein Eindringling zu sein? „Wir glaubten zu spüren, wir stülpen hier etwas über die Köpfe der Menschen“, sagt Erfurth. „Gegenüber den Ostkollegen waren wir praktisch in der Situation: Ich zeige euch, wo’s langgeht.“ Viele Führungspositionen in der neuen Steuer-Architektur seien damals an „junge Hüpfer“ aus den alten Bundesländern vergeben worden. „Da sind auch einige hingegangen, die nicht hätten gehen sollen“, sagt Erfurth. Nach zwei Monaten nahm sie ihre Koffer und reiste wieder ab.

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