"Gelebt wie auf einem Pulverfass“

Prozess wegen 18-fachen Betrugs: Mutter und Tochter müssen in Haft

Werra-Meißner. Weil sie in mindestens 18 Fällen teure Reisen gebucht, kurz darauf wieder storniert und dann die Leistungen der Reiserücktrittsversicherungen einbehalten haben, sind gestern eine 74-Jährige sowie ihre 56-jährige Tochter aus dem Werra-Meißner-Kreis wegen Betrugs vor dem Eschweger Amtsgericht zu Haftstrafen verurteilt worden.

Die 74-Jährige erhielt eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und zwei Monaten; ihre Tochter soll zwei Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Beide haben bereits Berufung gegen das Urteil eingelegt. Das Verfahren gegen den Enkel der 74-Jährigen wegen Beihilfe zum Betrug wurde vorläufig eingestellt: Der 33-Jährige muss nun 200 Arbeitsstunden ableisten. Insgesamt entstand ein Schaden in Höhe von 65.000 Euro.

Ihre Tränen kann die 74-jährige Beschuldigte im Gerichtssaal nicht zurückhalten. Während ihr Verteidiger, Rechtsanwalt Marcus Mauermann, eine Erklärung verliest, in der sämtliche gegen sie erhobenen Vorwürfe eingeräumt werden, nickt sie immer wieder zustimmend. „Ich bedauere das, was ich getan habe, zutiefst“, sagte die ältere Dame. „Aber ich habe jahrelang gelebt wie auf einem Pulverfass. Das hält doch kein Mensch aus“.

Eine kleine Rente von nur 400 Euro habe sie monatlich zur Verfügung; ihr Ehemann nur wenig mehr. Die Mitangeklagten, ihre 56-jährige Tochter sowie der 33-jährige Enkelsohn, die im gleichen Haus wohnen, lebten am Existenzminimum. „Die Nebenkosten für unser Haus haben uns aufgefressen“, sagte die 74-Jährige. Teilweise habe sie 700 Euro an Abschlägen im Monat zahlen müssen. „Dazu regnete es ständig rein, und außerdem haben wir noch alte Verbindlichkeiten abzutragen.“ Gleich zweimal habe das Haus vor der Zwangsversteigerung gestanden. „Wie soll man das in meinem Alter aushalten?“, fragte die ältere Dame.

Wie sie auf die Idee gekommen sei, die Reisen zu buchen und anschließend die Stornokosten zu vereinnahmen, könne sie im Nachhinein nicht mehr sagen. „Wir haben es im März 2010 versucht – und es klappte.“ Mit dem Geld, das auf verschiedene Konten von Familienmitgliedern geflossen sei, seien dann „die finanziellen Löcher gestopft“ worden.

Die Taktungen der Buchungen wurden bis zum November 2013 immer schneller. „Hauptsache, die gebuchten Reisen waren teuer, damit mehr Geld von den Rücktrittsversicherungen floss – alles andere war egal“, so die 74-Jährige. Weder Reiseveranstalter noch Versicherer seien nach einem bestimmten System ausgewählt worden – „es durften nur nicht immer die selben sein, damit es nicht auffiel“. Ihre Tochter habe sie nur aus einem Grund mit in die Betrugsmasche einbezogen: „Ich war ganz einfach zu alt, um diese Versicherungen selbst abschließen zu können.“

Von Emily Spanel 

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