Zwischen Kleidung und Kartons

Reportage: Zu Besuch bei der Eschweger Flüchtlingshilfe 

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Eschwege. Im ehemaligen Eschweger Taufrisch-Markt ist eine Spendensammelstelle für Flüchtlinge entstanden. Etwa 50 ehrenamtliche Helfer sorgen an drei Tagen in der Woche dafür, dass Kleidung sortiert und in Kartons verpackt genau dort ankommt, wo die Hilfe am nötigsten ist. Wir haben sie einen Tag lang bei ihrer Arbeit begleitet.

Stefan Beyer packt an. Wie an jedem Wochenende ist der Nordrhein-Westfale in Eschwege, um seine Freundin zu besuchen – doch die knapp bemessene gemeinsame Zeit in romantischen Restaurants zu verbringen, kommt nicht in Frage. Stattdessen steht das Paar hinter der improvisierten Theke der Kleider-Sammelstelle für Flüchtlinge im ehemaligen Taufrisch-Markt und faltet, packt, klebt, beschriftet Karton um Karton. „Was kann es denn Wichtigeres geben als die Mitmenschlichkeit?“, fragt der Feuerwehrmann aus Beverungen. „Und hier wird sie gelebt.“

Wie in Stein gemeißelt steht der Satz, und mehr Zeit für Smalltalk bleibt an diesem Samstagmorgen nicht, denn in der 400-Quadratmeter-Halle an der Mauerstraße herrscht Hochbetrieb. Die schwere Metalltür öffnet sich gefühlt im Minutentakt, und Menschen aus der ganzen Region bringen all das vorbei, was sie erübrigen können: Von Jogginghosen über Unterwäsche, Taschen, Rucksäcke, Badelatschen, Socken, Kopftücher und Spielsachen ist alles dabei.

Bestimmt 40 Säcke kommen so pro Tag zusammen“, berichtet Esther Story, Vermieterin – und gute Seele der Eschweger Flüchtlingshilfe. Mit selbstgebackenen Waffeln, die einen köstlichen Duft zwischen den Kleiderbergen hinterlassen, schreitet sie die Regalreihen ab. Beyer und die anderen Ehrenamtlichen – insgesamt 50 an der Zahl – greifen gern zu. „Wir tun gut daran, uns immer von unserer besten Seite zu zeigen“, sagt Story bestimmt. „Je deutlicher wir zeigen, welch gute Seiten unsere Gesellschaft hat, desto besser werden das Zusammenleben und die Integration der Flüchtlinge gelingen.“

Für diese Überzeugung scheut keiner der Helfer Arbeit: Die neu angekommenen Spendensäcke werden sorgfältig sortiert, die Kleiderstapel anschließend in ein entsprechend gekennzeichnetes Regalfach eingeräumt. Wer die Aufgabe ernst nimmt, hat in nur einer Stunde einen Kilometermarsch absolviert. „Aber da habe ich schon ganz andere Sachen geschafft“, sagt Heike Köberich-Braun, während sie flink von Regal zu Regal wirbelt. „Mit meiner Schwester habe ich einen Bulgarien-Transport organisiert – ganz allein, da sehe ich die Arbeit hier locker“, sagt die sympathische Frau, die immer ein Lächeln auf den Lippen hat. In die Sammelstelle kommt sie, wann immer ihre Zeit es zulässt –und sei es nur ein Stündchen. „Jeder wird gebraucht“, sagt Köberich-Braun.

Und tatsächlich haben die Helfer alle Hände voll zu tun, der Zustrom der Spendenwilligen überdauert den Samstagmorgen und reißt auch bis zum Nachmittag nicht ab. Auch das Ehepaar Ilse und Kurt Beck aus Eschwege hat sich entschieden, gut erhaltene Kleidungsstücke zu spenden. Blusen, Pullover und Hosen wandern, sorgfältig zusammengelegt und verpackt, über die Theke. „Wir möchten unseren Beitrag leisten und geben gern etwas ab“, sagt Ilse Beck bescheiden, bevor sie die Halle verlässt. Karl Montag, gemeinsam mit Aylin Abhau, Bianca Cardoso und Frank Daumann, Initiator der Aktion „Eschwege hilft“, ist begeistert: „Besonders berühren mich die kleinen Gesten, die doch so viel ausdrücken“, sagt er.

Stadtverordnetenvorsteher Montag hat an diesem Tag alle Termine abgesagt und ist in der Halle, um ein praktisches Problem zu lösen: Es gibt zu wenige Kartons für zu viele Spenden. Eine pragmatische Problemlösung ist gefragt; eilig werden die großen ortsansässigen Firmen per Telefon als Quelle für Verpackungsmaterial mit ins Boot geholt. „Gerade heute ist das wichtig“, weiß Frank Daumann – in der Nacht sind weitere 200 Flüchtlinge in Eschwege angekommen, die dringend auf die Bekleidung angewiesen sind, die Daumann am Ende eines langen Tages gewaschen, sortiert und verpackt per Lastwagen zur Unterkunft an der Helgoländer Straße fahren wird. Auch Stefan Beyer und seine Freundin sind dann noch da – und atmen durch. „Aber für die gute Sache lohnt es sich einzustehen“, sagt Beyer. „Und das hier ist eine.“

Ehrenamtliche werden gesucht

Spenden werden von den Ehrenamtlichen der Aktion „Eschwege hilft! Von, mit und für Flüchtlinge“ mittwochs und freitags zwischen 15 und 18 Uhr sowie samstags zwischen 11 und 14 Uhr angenommen. Auch außerhalb der Öffnungszeiten sind Helfer zum Sortieren der Spenden jederzeit willkommen. Alle Informationen gibt es im Internet unter www.eschwege-hilft.de, per Telefon unter 0151/44 02 95 05 oder bei Facebook unter „Eschwege hilft“.

Von Emily Spanel

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