Grenzwert ist weiter zu hoch

Die Werra ist Europas salzigster Fluss

Eschwege. Die Genehmigung, Salzlauge in die Werra einzuleiten, steht beim Regierungspräsidium Kassel zur Verlängerung an. Der Düngemittelhersteller Kali & Salz (K+S) hat bereits beantragt, den bisherigen Grenzwert von 2,5 Gramm Chlorid pro Liter Wasser beizubehalten. Aus diesem Grund luden die Grünen am Samstag zu einer Protest- und Info-Veranstaltung an den Werratalsee ein.

Der Grenzwert klinge zunächst niedrig, naturnahe Binnengewässer enthalten aber einen Salzgehalt von nur 75 bis 300 Milligramm Chlorid pro Liter. Dass er so hoch angesetzt sei, habe folgenden Grund, sagt die grüne Landtagsabgeordnete Sigrid Erfurth: „Der Grenzwert wurde ursprünglich im Rahmen einer Genehmigung festgelegt, die den Firmen 1942 für ihre kriegswichtige Kaliproduktion erteilt wurde.“ Er stamme also noch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Tatsächlich stellte im Juli 1943 der Generaldirektor für Wasser und Energie seine Bedenken gegen die erhöhte Belastung mit Kaliabfällen nur zurück, weil er voraussetzte, dass diese Maßnahme für die Kriegszeit bestünde und danach wieder der frühere Grenzwert von 1781 Milligramm gelte.

Manfred Westphal, Vorsitzender des Eschweger Angelsportvereins, sagte: „Die Werra war zwar bis zum Jahr 2000 ein toter Fluss, aber heute ist sie auch nicht lebendig.“ Von 70 in der Werra heimischen Arten seien heute nur noch fünf bis sieben übrig. Einer davon sei bezeichnenderweise der getigerte Flohkrebs, der eigentlich im Brackwasser der Meeresküste lebt.

Brisanz erhält das Thema derzeit, weil die Europäische Union im Juni ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik eröffnete. Die Einleitung von Salzabwässern in die Werra verstößt demnach gegen die seit 2000 bestehende europäische Wasserrahmenrichtlinie. Auf eine kleine Anfrage der Grünen-Fraktion im Deutschen Bundestag verwies die Bundesregierung darauf, dass die Einhaltung der Richtlinie Ländersache sei.

Formal stimme das, so die grüne Bundestagsabgeordnete Nicole Maisch. Allerdings sei die Versalzung ein länderübergreifendes Problem. Im Hinblick auf mögliche Geldstrafen, die nun auf Deutschland zukommen könnten, hofft sie künftig auf mehr Aktivität der Bundesregierung bei der Lösung des Problems.

Der im März 2008 gegründete Runde Tisch mit Vertretern der betroffenen Länder und Gemeinden, Umweltverbänden und K+S hatte mit der geplanten Laugenpipeline bis zur Nordsee eigentlich eine Lösung gefunden. Doch seitdem sind fast drei Jahre vergangen, ohne dass mit dem Bau begonnen wurde. „Das war die beste von allen schlechten Lösungen“, sagt Wolf von Bültzingslöwen vom Bund für Umwelt und Naturschutz und mutmaßt, dass K+S absichtlich Fehler bei Bauplanung und Antragstellung gemacht habe, um Zeit zu schinden. Schließlich koste die Fernleitung 500 bis 700 Millionen Euro.

Von Wolfram Skupio

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