Ida Schmidt trennt sich mit 85 Jahren schweren Herzens von ihrer heißgeliebten Beschäftigung

Fünf Jahrzehnte Zeitung verteilt

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Klein, drahtig und schnellen Schrittes mit roten Wangen von der frischen Luft, so kennt man Ida Schmidt. Sie hat so lange Zeitungen ausgetragen wie kein anderer Zusteller der WR. Mit diesem Wägelchen, mit dem Kinderwagen und einem kleinen Auto hat sie bis zu 310 Zeitungen täglich beziehungsweise nachts verteilt.

Eschwege. Am 1. Mai 2012 hatte sie 50-jähriges Arbeitsjubiläum als Zeitungsausträgerin der Werra-Rundschau. Und jetzt, kaum zu glauben, hört sie auf: Ida Schmidt aus der Oberen Friedenstraße in Eschwege wird im Januar 2013 86 Jahre alt, und das sei Zeit für den Ruhestand, sagt sie, mit Wehmut zurückblickend auf eine erlebnisreiche Zeit.

Zeitungen im Kinderwagen

Mit dem Sohn im Kinderwagen, zugepackt mit Zeitungen, hat sie ihre Tour bewältigt, damals noch am frühen Abend. In guten Zeiten hat sie inklusive Frankfurter Allgemeine und Die Welt bis zu 310 Zeitungen täglich verteilt, „das war eine 40-Kilometer-Runde durch ganz Eschwege“, erinnert sie sich. Die Tour war genau ausgetüftelt: Mit ihrem kleinen Fiat hat Ida Schmidt die Zeitungen am Bahnhof abgeholt und das Auto an wechselnden Standorten so geparkt, dass sie ihr leeres Wägelchen schnell wieder beladen konnte. Brauerei und Wiesenstraße waren so markante Punkte, wo man wie überhaupt in der ganzen Innenstadt, Ida Schmidt zwischen 2.30 Uhr nachts und 6 Uhr morgens begegnen konnte. Zwischendurch ist sie auch nach Hause gegangen und hat Kaffee getrunken.

Angst hat sie nie gehabt, ist über nackte Bierleichen in Hauseingängen gestolpert oder wurde zum Johannisfest gefragt, wo es zum Kurhaus geht. Immer dabei ihre Katzen, erst „Tiger“, dann „Lilli“.

Einmal ist die Katze im Auto geblieben und prompt wurde Ida Schmidt von einem Polizisten gefragt, ob sie nächtens Katzen einfange. „Der war neu in Eschwege, sonst hätte er mich gekannt“, schmunzelt die vermeintliche Katzenfängerin. Für einen Hundebiss hat sie mal 400 Mark Schmerzensgeld bekommen, für den Biss eines Dackels eine Flasche Wein. Im Winter 1993 hat sie sich bei der Arbeit einen Arm gebrochen und am nächsten Tag mit Gipsarm die Zeitungen ausgetragen.

Nachts kann sie nicht schlafen

In ihrer langen Dienstzeit hat die WR vom abendlichen zum morgendlichen Erscheinen gewechselt und das Barkassieren wurde abgeschafft. Das haben nicht nur ältere Abonnenten dankbar als Gelegenheit zum Schwätzchen genutzt, erinnert sich Ida Schmidt. Heute bekommt sie ihr Geld überwiesen, Trinkgeld entfällt und für die beigelegte Werbung wird sie zweimal jährlich nach einem Gewichtsschlüssel entlohnt. Im Schnitt hat die rüstige und kerngesunde Seniorin jährlich 20 Tonnen Zeitungen verteilt.

Nachts schlafen fällt ihr schwer, nennt sie die einzige negative Begleiterscheinung ihres Fünf-Jahrzehnte-Jobs. Wenn es hart kommt, will sie einfach eine nächtliche Runde auf der ihr vertrauten Tour drehen, auch ohne Zeitungen.

Von Helmut Mayer

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