Gericht: Vorwürfe nicht erwiesen

Freispruch für Göttinger Transplantations-Arzt

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Kurz vor der Urteilsverkündung: Der freigesprochene Mediziner Aiman O. (2.v.r.) mit seinen Verteidigern (links) Jürgen Hoppe, Ulf Haumann und Steffen Stern.

Göttingen. Urteil im Prozess um den Göttinger Organspende-Skandal: Der 47-jährige Mediziner wurde am Mittwoch vom Landgericht Göttingen freigesprochen.

Gleichzeitig sprach das Gericht dem Angeklagte eine Entschädigung zu. Das Gericht hob gleichzeitig hervor, dass es Richtlinienverstöße bei der Organtransplantation festgestellt habe, die moralisch verwerflich seien.

Außerdem hält das Gericht es für verfassungswidrig, alkoholkranke für sechs Monate sowie bestimmte Leberpatienten von Transplantationen auszuschließen.

Nach 20 Monaten Prozessdauer, 64 Verhandlungstagen und 101 gehörten Zeugen hatte die Schwurgerichtskammer des Göttinger Landgerichts ihr Urteil im Prozess gegen den Göttinger Transplantationschirurgen Dr. Aiman O. gefällt.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hatte eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und ein Berufsverbot gefordert. Die drei Verteidiger hatten für Freispruch und Entschädigung plädiert.

Der 47 Jahre alte ehemalige Leiter der Abteilung Transplantationsmedizin in der Göttinger Uni-Klinik war wegen versuchten Totschlags in elf Fällen und Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen angeklagt und hatte auch fast ein Jahr in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Rosdorf verbracht.

O. soll bei der Meldung von Daten seiner Patienten gegenüber der zentralen Vergabestelle von Spenderorganen Eurotransplant falsche Angaben gemacht und auch gegen Kriterien der Bundesärztekammer für Organverpflanzungen verstoßen haben. Diese Patienten seien dadurch auf der Warteliste nach oben gerückt. Andere, schwerer erkrankte Menschen hätten keine Organe bekommen und seien deshalb möglicherweise gestorben. Zudem habe der Professor in drei Fällen Organe verpflanzt, obwohl dies medizinisch nicht angezeigt war. Die Patienten waren später gestorben.

Außerdem waren bei nachträglichen Überprüfungen in der Uni-Klinik zahlreiche Verstöße gegen die Richtlinie festgestellt worden, so viel wie in keiner anderen geprüften Klinik mit Transplantationszentrum. Die Prüfer hatten ein System der gezielten Manipulation in Göttingen festgestellt.

Weitere Infos folgen.

Chronologie: Organspende-Skandale in Deutschland

In Deutschland haben mehrere Skandale das Vertrauen in die Transplantationsmedizin erschüttert und die Bereitschaft zur Organspende zurückgehen lassen:

Juli 2012: Es wird bekannt, dass zwei Mediziner der Göttinger Universitätsklinik im großen Stil Akten gefälscht und die eigenen Patienten beim Empfang von Spenderlebern bevorzugt haben sollen.

August 2012: Nach neuen Erkenntnissen soll einer der verdächtigen Mediziner schon von 2004 bis 2006 an der Regensburger Uniklinik vor Leber-Transplantationen Krankendaten manipuliert haben.

September/Oktober 2012: Prüfer am Münchner Krankenhaus rechts der Isar stellen Auffälligkeiten bei der Organvergabe fest. Laut Klinik wurden Laborwerte gefälscht, damit eigene Patienten auf der Warteliste nach oben rutschten und rascher ein Spenderorgan bekamen.

Januar 2013: Am Universitätsklinikum Leipzig werden Manipulationen aufgedeckt. Der Direktor des Transplantationszentrums und zwei Oberärzte werden beurlaubt.

Mai 2013: Das Klinikum rechts der Isar darf nach dem Willen der bayerischen Landesregierung künftig keine Lebern mehr verpflanzen. Strukturelle Veränderungen sollen neues Vertrauen schaffen, heißt es.

Juni 2013: Nach dem Willen des Bundestags sollen Betrügereien schärfer geahndet werden. Eine Änderung des Transplantationsgesetzes sieht Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren oder Geldstrafen vor.

August 2013: Der Prozess gegen den früheren Chef der Göttinger Transplantationsmedizin beginnt.

August 2014: Staatsanwälte ermitteln nach einer Selbstanzeige gegen Ärzte des Deutschen Herzzentrums in Berlin wegen versuchten Totschlags. Prüfer der Bundesärztekammer stellen fest, dass es von 2010 bis 2012 insgesamt 14 Fälle von Manipulation gegeben hat. So sollten Patienten auf der Warteliste nach vorne rutschen.

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