Getreidesaatgut auf dem Prüfstand

Auf die Probe gestellt. Landwirtschaftstechniker Eckhardt Virnau füllt auf einem Versuchsfeld des Landwirtschaftszentrums Hessen frisch gedroschene Getreideproben für das Labor ab. Fotos:  Salzmann

Jedes Jahr wird in Deutschland neues Saatgut zugelassen. Doch ob die neuen Sorten auch für die kalten Höhenlagen in Nordhessen taugen oder nur gut in Ostfriesland gedeihen, weiß zunächst niemand. Das Landwirtschaftszentrum Eichhof in Bad Hersfeld testet Getreidesorten.

Zelt, Pritschenwagen, Minimähdrescher, ein kleiner Schlepper, Plastikdosen, Waage, Laptop, Papier und Stift - viel mehr umfasst die Ausrüstung nicht, mit der die Truppe der Landesversuchsanstalt Eichhof bei Bad Hersfeld ins Feld ausrückt. Im Juli ist wie bei allen anderen Landwirten auch auf den Versuchsfeldern des Landwirtschaftszentrums Eichhof Erntezeit. Die Ergebnisse der Feldversuche können über Erfolg und Misserfolg künftiger Ernten hessischer Landwirte entscheiden.

Das Versuchsfeld bei Bad Hersfeld besteht aus einigen Dutzend Parzellen - jede ist exakt 15 Quadratmeter groß. Geerntet wird Wintergerste. Der Mähdrescher im Einsatz ist eine Miniaturausgabe der Ernteriesen, aber technologisch auf dem allerneuesten Stand. Gearbeitet wird unter Hochdruck, denn für die kommenden Tage ist Regen angesagt und die Gerste ist reif. Die Proben aus den Versuchsparzellen, die später im Labor genauestens untersucht werden, werden bereits im Mähdrescher entnommen, der Rest der Miniernte landet auf einem Hänger als Futter für die Tiere des Landesbetriebes Schloss Eichhof.

Die Agrartechnikerin Susanne Dittmann und Waltraut Hofmann, eine Saisonkraft, haben auf dem Pritschenwagen unzählige Plastikdosen beschriftet, um Getreideproben den richtigen Parzellen zuzuordnen. Daneben liegen Listen, in die erste Daten eingetragen werden. Im Zelt, das vor allem vor dem strammen Wind an diesem Tag schützen muss, sitzt Lars Klingebiehl. Er wiegt jede einzelne Getreide-Probe und gibt die Daten sofort in einen Laptop ein. Die später eingetüteten Proben kommen ins Labor, wo sie auf verschiedene Parameter wie unter anderem auf Feuchtigkeit und den Gehalt von Eiweiß beziehungsweise Öl untersucht werden.

Für Bauern und Handel 

Die Daten aus den insgesamt sechs Versuchsstandorten in ganz Hessen werden in den kommenden Wochen ausgewertet. Das Ergebnis sind umfangreiche Datensätze und kommentierte Empfehlungen zu neuen Sorten, die die Landwirte rechtzeitig entweder über die Homepage des Landesbetriebes abrufen können und die unter anderem im „Landwirtschaftlichen Wochenblatt“ veröffentlicht werden. „Wir publizieren diese Daten zeitnah, damit die Landwirte, aber auch der Saatguthandel eine Orientierung haben, bevor sie das Saatgut für das kommenden Jahr einkaufen“, sagt Gabriele Käufler, Koordinatorin für das Versuchswesen Marktfruchtbau des Landes Hessen.

Was gedeiht wo? 

„Ziel unserer Arbeit ist es, den Landwirten jedes Jahr Empfehlungen zu geben, welche Sorten auf welchen Böden und in welchen Lagen gute Erträge bringen“, sagt Gabriele Käufler. „Es gibt Sorten, die in Ostfriesland gute Erträge bringen, aber den harten Winter in den Höhenlagen des Werra-Meißner-Kreises nicht standhalten.“

Getestet werden hier Kulturen wie Raps, Getreide, Ackerbohnen, Körnererbsen, Sojabohnen und Braugerste. Neue, vom Bundessortenamt zugelassene Sorten, werden an insgesamt sechs Standorten in Hessen in jeweils dreijährigen Anbauversuchen auf ihre Eignung für regionale Anbaubedingungen getestet - mit und ohne Düngung beziehungsweise Pflanzenschutzmitteln, konventionell oder ökologisch. Zu den Versuchen gehören außerdem verschiedene Anbautechniken sowie der Gemengeanbau, das heißt die Mischung mehrere Kulturen auf einer Anbaufläche.

„Nach drei Jahren Versuch mit einer Sorte können wir Fehler statistisch aus den Ergebnissen rausrechnen“, sagt Gabriele Käufler. Fehler, das können hungrige Mäusepopulationen ebenso sein wie ein verregneter Sommer oder große Trockenheit. Dass sich die Bauern auf die Empfehlungen des Institutes verlassen können, liegt an dessen Unabhängigkeit.

„Als staatliche Stelle haben wir kein wirtschaftliches Interesse und die Landwirte bekommen von uns absolut neutrale Ergebnisse“, so die Leiterin de Versuchswesens.

Von Aussaat bis Ernte 

„Eigentlich ist unsere Arbeit die Gleiche wie die eines jeden Landwirts“, sagt Susanne Dittmann. „Wir betreuen die Pflanze von der Aussaat bis zur Ernte.“ Aber während der gesamten Wachstumsphase werden die Pflanzen von den Betreuern der Flächen beobachtet. Wie wächst das Getreide, wie stehen die Halme, wie entwickeln sich Krankheiten, welche Auffälligkeiten weisen sie auf? All diese Beobachtungen fließen in die Daten ein, aus denen Gabriele Käufler später die Empfehlungen generiert. Als Service für die Landwirte bietet das Landwirtschaftszentrum neben sogenannten Erntegesprächen mit Bauern, Verarbeitern wie Mühlen und dem Landhandel außerdem Versuchsfeldführungen an. Dabei können sich die Bauern ein eigenes Bild von den Sorten machen.

„Es geht um Dinge wie beispielsweise die Länge der Halme. Sorten mit langen Halmen sind in windigen Lagen schlecht, wer aber viel Stroh braucht, sucht danach. Landwirte, deren Äcker in Nachbarschaft zu Wäldern liegen, bevorzugen grannenreiches Getreide, weil das das Wild vom Fressen abhält.“

Die Daten zum Pflanzenbau sind abrufbar unter: www.llh.hessen.de.

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