Organ-Skandal: Aufklärung an der Universitätsmedizin läuft auf vollen Touren

Göttingen. Ein Tisch, ein Stuhl, einige Regale und viele Aktenordner: Was wie eine Amtsstube aussieht, ist derzeit einer der wichtigsten Orte innerhalb der Göttinger Universitätsmedizin. Der unscheinbar wirkende Raum ist das logistische Zentrum zur Aufklärung und Aufarbeitung des Transplantationsskandals.

Hier befinden sich die Akten zu den derzeit insgesamt 23 Verdachtsfällen. Diese Unterlagen stehen nicht nur den Staatsanwaltschaften zur Verfügung. Auch die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) selbst betreibt aktive Aufklärungsarbeit: Sie hat eigens zwei Ärzte abgestellt, die mehreren externen Gutachtern und den Prüfern der Bundesärztekammer zuarbeiten. Bei den Ermittlungen gibt es drei Stränge: Die Justiz prüft, ob sich zwei Mediziner des Göttinger Uni-Klinikums – der frühere Leiter der Transplantationschirurgie und der Leiter der Abteilung Gastroenterologie und Endokrinologie – strafbar gemacht haben. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig als Zentrale Ermittlungsstelle für Korruptionsstrafverfahren ermittelt wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Die Staatsanwaltschaft Göttingen prüft, ob andere Patienten, die durch Manipulationen benachteiligt wurden, infolge eines ausgebliebenen Spenderorgans verstorben sind. Sie ermittelt deshalb wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung in 23 Fällen.

Daneben untersucht auch eine Kommission der Bundesärztekammer den Fall. Hier geht es vor allem um die Frage, inwieweit und in welchem Umfang Mitarbeiter gegen Richtlinien des Transplantationsgesetzes verstoßen haben. Die Universitätsmedizin wiederum will nicht nur die Vergangenheit schonungslos aufarbeiten, sondern auch Lehren für die Zukunft ziehen. Sie hat deshalb ihrerseits eine dreiköpfige externe Kommission damit beauftragt, den Fall aufzuklären und mögliche strukturelle Schwachstellen ausfindig zu machen. Bei den Gutachtern handelt es sich um Medizinprofessoren anderer Uni-Kliniken, die unterschiedlichen Fachrichtungen angehören. Die Experten sollen auch die internen Abläufe beleuchten, um im Detail zu klären, wie es zu diesen Manipulationen kommen konnte.

„Wer war beteiligt? Wer hätte was wissen können oder müssen? Das wollen wir herausfinden“, sagt UMG-Vorstand Professor Martin Siess. Adresse geändert Die offensive Aufklärungsarbeit unterscheidet sich deutlich von der Uni-Klinik in Regensburg, wo der Oberarzt vorher auffällig geworden war. Er hatte dort im Jahr 2005 unzulässigerweise eine Spenderleber nach Jordanien geschafft und einer Patientin implantiert. Außerdem wurden mehrere jordanische Patienten auf die Eurotransplant-Warteliste für postmortale Organspenden gesetzt. Damit dies nicht auffiel, wurde als Wohnort die Adresse des Regensburger Uni-Klinikums angegeben. Die Verstöße wurden zwar untersucht, hatten jedoch keine personellen Folgen. (pid)

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