Blutegel werden außer bei Abszessen vor allem zur Behandlung von Rückenschmerzen eingesetzt

Sie saugen die Entzündung weg

Fingerspitzengefühl gefragt: Heilpraktikerin Manuela Scheere setzt nach und nach die Egel bei der Patientin an. Fotos:  Skupio

Werra-Meißner. Mehrfach stupst Heilpraktikerin Manuela Scheere die Blutegel vorsichtig an. Deren Reaktion ist jedoch eher verhalten: Bis auf einen hängen die vier Tiere nahezu regungslos am Rücken der Patientin, die mit chronischen Schmerzen in den Lendenwirbeln in die Praxis gekommen ist.

„Sie beißen besser bei Wärme“, erklärt Scheere, die vorwiegend Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfälle und Entzündungen jeglicher Art mit diesem traditionellen Heilmittel behandelt, und rückt den Heizlüfter näher. Blutegel seien sehr sensible Tiere. Auch Gewitterluft oder ein unerfahrener, eventuell nervöser Arzt oder Heilpraktiker könnte die Tiere, die es dunkel und feucht mögen, aus der Ruhe bringen.

Wenn Manuela Scheere einen Termin für eine Blutegeltherapie hat, legt sie morgens kein Parfüm auf, cremt sich nicht ein. „Sie mögen auch den Geruch der Hygienehandschuhe nicht besonders.“ Ebenso darf der Patient die betroffene Stelle vorher nicht eincremen oder waschen, behaart darf sie jedoch auch nicht sein. Der Patient sollte nicht nüchtern sein und nach der Behandlung viel trinken. Währenddessen kann er sich bewegen, muss dabei jedoch auf seinen Kreislauf achten.

Die kleinen Tiere, die nur in sehr sauberen Gewässern leben, stammen aus einer Zucht in Biebertal im Landkreis Gießen. „Wegen der Infektionsgefahr dürfen sie nicht aus der freien Natur geholt werden, damit sicher ist, dass sie noch nie an einem Menschen oder Tier saßen“, erklärt Scheere.

Nachdem die Heilpraktikerin mit einer kleinen Nadel etwas Blut zutage gefördert hat, setzt sie nach und nach vier Egel an die druckdolenten Stellen oder Akupunkturpunkte. Mit ihren kleinen Kalkzähnen beißen die Tiere und saugen dann mit ihrem Hinterteil. Das Vorderteil hat sich zum besseren Halt ebenfalls an der Haut festgesaugt. Erst wenn sie vollgesogen sind, lassen sie wieder los – das dauert je nach Tier zwischen 30 Minuten und mehreren Stunden. „Man darf sie nicht gewaltsam entfernen, sonst können Zähne im Körper stecken bleiben und sich entzünden.“

Nachweislich seit dem Mittelalter werden die Tiere angesetzt, die Blutzellen und Eiter fressen und dabei Blutflüssigkeit, also Wasser und Nährsalze, wieder ausscheiden. „Damals wusste man jedoch noch nicht, dass der Mensch nur fünf bis sieben Liter Blut besitzt und hat sie viel zu oft angesetzt – ein Egel saugt bis zu 40 Milliliter Blut“, sagt Scheere. Sobald bei einem Aderlass dunkles Blut herauskam und somit auf Schadstoffe hinwies, wurden die Tiere angesetzt. Beim Saugen geben die Egel ein schmerzstillendes Mittel ab. Bis sie sich festgebissen haben, fühle es sich an, als ob man in Brennnesseln fasst. Nach der Behandlung jucke die Haut wie ein Mückenstich. Die Bisse hinterlassen nadelkopfgroße Narben, auf die man die Egel nicht mehr ansetzen kann.

Von Gudrun Skupio

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