Sie helfen auch ohne Antragstellung

20 Jahre Psychologische Beratungsstelle für Familien im Werra-Meißner-Kreis

Sie kümmern sich: Die Psychologen und Therapeuten der psychologischen Beratungsstelle, Matthias Heintz (von links), die Sekretärinnen Dagmar Orlowski und Annegret Viehl, Heike Schalles, Matthias Haneberg, Carola Boße. Foto: W. Skupio

Eschwege. Der Paragraph 28 im achten Sozialgesetzbuch sorgte 1993 für die Gründung der Erziehungsberatungsstelle in Eschwege, die nun ihr 20-jähriges Bestehen feiert.

Und dabei war die Region auch noch spät dran, denn verabschiedet wurde das Gesetz schon zwei Jahre zuvor. Bis zur Schaffung der Beratungsstelle war ein Psychologe aus Kassel in regelmäßigen Abständen in die Kreisstadt gekommen. „Bürger haben seit 1991 das Recht, eine kostenfreie Erziehungsberatung in Anspruch zu nehmen“, berichtet Carola Boße.

Die Diplom-Psychologin ist Leiterin der Beratungsstelle. Das Angebot von Boße und ihrem Team ist sehr vielfältig. „Eltern können schon mit beginnender Schwangerschaft zur Erziehungsberatung kommen, das Recht auf Beratung endet, wenn das Kind das 25. Lebensjahr erreicht“, erklärt Boße.

Dabei muss nicht erst ein Problem entstanden sein. Oft werden die Psychologen präventiv tätig, wenn sich beispielsweise eine junge Mutter überfordert fühlt, oder sich die Trennung der Eltern anbahnt.

Beratungen voll ausgelastet

„Unsere Beratungsstelle ist die einzige Hilfsform, die keine Antragstellung beim Jugendamt oder bei Krankenkassen erfordert“, ergänzt Matthias Heintz, Diplom-Pädagoge und Familientherapeut. Die erfolgreiche Arbeit der Betreuungsstelle spricht sich rum: „Obwohl keinerlei Werbung gemacht wird, sind drei von acht Beratungen solche, die durch private Empfehlung zustande kommen“, sagt Pädagoge Matthias Haneberg.

Andere Ratsuchende schickt das Familiengericht, das eine Beratung als Auflage anordnen kann. Weitere kommen vom Jugendamt oder auf Anraten von Schulen. Dass Boße und ihr Team gut zu tun haben, liegt aber noch an zwei weiteren Gründen. Zum einen gebe es einfach nicht so viele Angebote dieser Art im Kreis, zum anderen wurde der Stellenschlüssel für derartige Beratungsstellen seit Jahren nicht angepasst, obwohl das Aufgabenspektrum sich erheblich vergrößert hat.

Viele Probleme, die früher innerfamiliär geklärt wurden, werden heute zum Fall für die Psychologen der Beratungsstelle.

„Wir bekommen den gesellschaftlichen Wandel hier sehr schnell mit“, sagt Boße. Der Umgang mit Erziehung habe sich geändert: Wo es früher klare Regeln gegeben habe, fehlten heute schon Richtlinien, erklärt sie. Eltern könnten aus einem unzähligen Angebot von Erziehungsratgebern wählen und wüssten so gar nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Die Klienten aber kommen aus allen Schichten, Hartz-IV-Familien lassen sich genauso beraten, wie Akademiker.

„Wir unterliegen natürlich der Schweigepflicht, denn nur so können wir das Vertrauen gewinnen, welches für unsere Arbeit zwingend notwendig ist“, berichtet Boße.

Von Wolfram Skupio

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