Eschweger Jeside

Saaid Barakat hilft in einem türkischen Flüchtlingscamp 

Saaid Barakat lebt mit seiner Frau und vier der sechs gemeinsamen Kinder in Eschwege. Foto: Deppe

Eschwege. „Meine Gefühle sind tot“, sagt Saaid Barakat. Über eine zu lange Zeit habe er jeden Tag geweint. Vorfreude auf seine Reise kommt eigentlich nur dann auf, wenn er daran denkt, seine Mutter zu treffen. Vor 14 Jahren hat er sie zuletzt gesehen. Heute beginnt Barakat seine Reise zum Flüchtlingscamp der türkischen Region Mardin. Er begleitet einen Spendentransport.

Barakats Heimat sind die Dörfer um die nordirakische Stadt Sindschar. Mehr als 60 Angehörige lebten dort, als Anfang August vergangenen Jahres die Terrororganisation Islamischer Staat die hauptsächlich von Jesiden besiedelte Region besetzte. Mehr als 7000 Einwohner flohen vor den Dschihadisten in den nahen Höhenzug Dschabal Sindschar. „Das Leid dort ist unmenschlich. Die meisten sind tagelang barfuß auf kargem Steinboden unterwegs, viele Kinder sind einfach verdurstet“, sagt Barakat, der täglich mit Angehörigen telefoniert. Die Rettung kommt ausgerechnet durch einen Ableger der Untergrundorganisation PKK, die den Flüchtlingen einen Korridor nach Syrien freikämpft. Barakats Verwandte schaffen es bis in die Türkei und kommen in einem Flüchtlingscamp unter. „Meine alte Mutter lief 65 Kilometer barfuß, um dorthin zu gelangen“, sagt Barakat, „ich will nichts mehr, als jetzt zu helfen.“ Und das versucht er, selbst mittellos, mit Nachdruck (Artikel unten).

Seit 2001 lebt der 43-Jährige im Werra-Meißner-Kreis. Als Asylsuchender kämpft er mit jahrelanger Ungewissheit, erst nach acht Jahren bekommt er die Aufenthaltsgenehmigung, die es ihm ermöglicht, seine Frau und die fünf Kinder ebenfalls nach Deutschland zu holen. Der jüngste Spross, heute drei Jahre alt, wird in Eschwege geboren. Barakat gibt ihm den deutschen Namen Marcel.

Um den Flug nach Ankara, von wo aus die Reise weitergeht, bezahlen zu können, hat Barakat einen kleinen Kredit aufgenommen. Als er beim Waldkappeler Pfarrer Rolf Hocke, den er liebevoll „Vater“ nennt, nachfragt, an wen er das Geld für das Flugticket überweisen müsse, folgt die große Überraschung: Die Reise ist bereits bezahlt. Von wem, weiß Barakat nicht. Ein Hinweis könnte aber sein, dass Hocke ihn heute zum Flughafen begleiten wird. Die Fluggesellschaft verlangt, dass derjenige, mit dessen Kreditkarte der Flug bezahlt wurde, beim Einchecken mit dabei ist.

Die Hilfsorganisation, der Barakat sich anschließt, bietet ihm für die Dauer der Reise in Meriad eine Unterkunft. Doch der Familienvater lehnt ab. Er will so viel Zeit wie möglich im Camp verbringen und im Zelt seiner Mutter schlafen. Dann behalte er auch die Kontrolle darüber, ob alle Spenden gerecht verteilt werden. „Mein Herz ist nicht ruhig, bis ich sehe, dass alles dort angekommen ist, wo es gebraucht wird.“ STICHWORT, ARTIKEL UNTEN

Von Lasse Deppe

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