Interview

10 Jahre Landrat Stefan Reuß: „Ich bin gelassener geworden“

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Stefan Reuß bei seinem Amtsantritt 2006.

Werra-Meißner. Am 06.06.06 hat Landrat Stefan Reuß seinen Dienst angetreten. Wie sich der Landrat im vergangenen Jahrzehnt verändert hat, welche seine größten Herausforderungen waren und wie lange er noch im Amt bleiben möchte, verrät Reuß im Interview.

Herr Reuß, wie haben Sie sich in den vergangenen zehn Jahren verändert? 

Stefan Reuß: Ich bin gelassener gewordener im Umgang mit Kritik. Als ich mein Amt vor zehn Jahren angetreten habe, war ich gerade 35. Damals bin ich noch schnell nervös und unruhig geworden. Die Erfahrung macht viel aus.

Was gehört zu Ihren schönsten Erinnerungen als Landrat? 

Reuß: Positiv im Gedächtnis geblieben sind mir sicherlich die Werra-Meißner-Tage, die wir ins Leben gerufen und etabliert haben. Der Freiwilligentag im September hat sich ebenfalls klasse entwickelt. Das sind tolle Ereignisse, die Identität geschaffen haben. Aber auch viele weitere Termine, die ich wahrgenommen habe, unter anderem die 650- Jahr-Feier in Breitau, als ich den Festkommers vorzeitig verlassen musste, weil unser Sohn geboren wurde.

Und was gehört zu den negativen Erinnerungen? 

Reuß: Froh bin ich, dass wir noch nie einen Katastrophenalarm ausrufen mussten. Wobei der Sturm Kyrill, der große Schäden im Kreis angerichtet hat, schon extrem war. In der selben Nacht wurde auch noch ein Verdachtsfall der Vogelgrippe hier bekannt - und ich musste in der Sturmnacht einen Mitarbeiter nach Kassel schicken, um einen Schnelltest zu holen. Zum Glück ist alles gutgegangen. Auch der Küchenbrand und folgende Evakuierung des Eschweger Krankenhauses im Jahr 2010 waren keine schöne Erfahrung.

Zählen Sie den großen Flüchtlingsstrom im vergangenen Herbst zu den positiven oder negativen Ereignissen?

Reuß: Auf jeden Fall zu den herausfordernden. Wir haben Ende 2012 schon erkannt, dass da etwas auf uns zukommt und haben uns darauf vorbereitet. Damals erwarteten wir 100 zusätzliche Personen. Dass es drei Jahre später solche Ausmaße annehmen würde, dass uns pro Woche 50 Personen zugeteilt wurden, damit konnte niemand rechnen. Die Bürokratie auf Bundes- und Landesebene hat zu spät reagiert. So eine Notsituation möchte ich nicht nochmal haben. Gleichzeitig freue ich mich über die große andauernde Hilfsbereitschaft. Für die Flüchtlinge engagieren sich mehr als die üblichen Verdächtigen. Ohne sie könnten wir die Lage nicht bewältigen.

Wann brauchten Sie besonders viel Überzeugungskraft?

Reuß: Sicherlich bei der Sanierung der Kliniken. Ich habe ja nicht gelernt, wie man einen Betrieb saniert. Erst recht nicht in dieser Größenordnung. Und auch die Rekommunalisierung des Energieversorgers EAM war nicht einfach.

Wie sollen Menschen von außerhalb Ihren Landkreis wahrnehmen?

Reuß: Als einen Landkreis, der um seine Stärken weiß und seine Möglichkeiten ausnutzt.

Welche Möglichkeiten hat der Kreis seit 2006 ausgenutzt?
Reuß: Die Arbeitslosigkeit ist innerhalb von zehn Jahren von über zehn Prozent auf unter sechs Prozent gesunken. Die Wirtschaft funktioniert und dem demografischen Wandel haben wir entgegengewirkt.

Statistiker hatten dem Kreis bei Ihrem Amtsantritt bis heute einen Einwohnerrückgang auf unter 100 000 Menschen prophezeit. Das ist nicht eingetroffen. Sind Sie damit zufrieden? 

Reuß: In den ersten Jahren hatte ich mir gewünscht, dass der Bevölkerungsrückgang noch langsamer verläuft. Jetzt bin ich zufrieden. Es ist aber unsere Achillesferse, an der wir immer weiter arbeiten müssen.

Das Wichtigste ist, junge Familien anzulocken. Wie überzeugen Sie sie?

Reuß: Damit, dass der Werra-Meißner-Kreis niedrige Lebenshaltungskosten mit einem idealen Wohnstandort verbindet, der zudem eine intakte Infrastruktur hat. Wir sind ein wunderbarer Standort zwischen den Oberzentren mit beruflichen Perspektiven, um eine Familie zu gründen.

Welches sind die dringendsten Anliegen, die Sie jetzt schnell in den Griff bekommen möchten? 

Reuß: Derzeit ist es nicht mehr der Flüchtlingsstrom. Wirtschaft und Tourismus müssen gestärkt werden. Hier werden wir die Strukturen neu ordnen. Dem Fachkräftemangel müssen wir entgegenwirken und außerdem Forschung, Entwicklung und Innovationen neu ausrichten. Die Sicherung der ärztlichen Versorgung ist ebenso eine große Aufgabe: wie die Sanierung der Verwaltungsgebäude der Kreisverwaltung.

Um Familien und Unternehmen anzulocken, braucht es eine gute Infrastruktur. Sind Sie mit dem Voranschreiten des Breitbandausbaus zufrieden? 

Reuß: Wir waren eine der Triebfedern bei der Gründung der Breitband Nordhessen GmbH. Der Ausbau dauert mir aber zu lange. Es werden uns zu hohe bürokratische Hürden aufgestellt. Und Branchenprimus Telekom wirft uns Knüppel zwischen die Beine.

Wie werden Sie heute Ihr Zehnjähriges feiern? 

Reuß: Überhaupt nicht. Es ist aber ein schöner Zufall, dass der Tag auf einen Montag fällt. Da treffe ich immer mit meinen engsten Mitarbeitern zur Besprechung zusammen.

In zwei Jahren endet Ihre zweite Amtszeit. Werden Sie für eine dritte antreten? 

Reuß: Im nächsten Jahr werde ich mit meiner Familie und der Partei darüber reden. Mir macht das Amt nach wie vor Spaß und es gibt jede Menge zu tun. Es spricht also vieles dafür.

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