Sandra Scheunemann aus Netra beweist sich als Kfz-Meisterin in einer Männerdomäne

Immer 140 Prozent geben

Kein Problem mit Klischees: Sandra Scheunemann war einst Deutschlands jüngste Kfz-Meisterin. Weibliche Kunden fühlen sich bei ihr besser aufgehoben. „Die stellen Fragen, die sie sich bei einem Mann nicht getraut hätten“, sagt die 29-Jährige. Fotos: Deppe

Eschwege. Wenn Sandra Scheunemann während ihrer Lehre den Abschlepp-Notdienst hatte, konnte es schon mal vorkommen, dass sie sich gerade zum Ausgehen fertig gestylt hatte, als der Notruf kam. „Dann kamen schnell die Ohrringe wieder ab und los. Da haben schon manche etwas irritiert geguckt, wenn ich gut geschminkt zum Abschleppen kam“, sagt die 29-Jährige, die im Eschweger Autohaus Heidenreich als Kfz-Meisterin arbeitet.

Irritierte Blicke gibt es auch heute noch, gerade bei der Kundschaft. „Sobald die merken, dass ich weiß, was ich da mache, ist das aber vorbei“, sagt Scheunemann, „Frauen fühlen sich bei mir oft auch besser aufgehoben. Bei mir stellen sie Fragen, die sie sich sonst nicht getraut hätten zu fragen.“

Packt voll mit an: Schon als Kind half Sandra Scheunemann im Kfz-Betrieb des Vaters mit.

Für Scheunemann selbst ist der Umgang mit Autos selbstverständlich. Aufgewachsen im Harz, hatte sich schon ihr Vater im Kfz-Bereich selbstständig gemacht. Die vielen auf dem heimischen Hof abgestellten Autos boten viel Platz zum Herumklettern und dienten dem Mädchen so als Spielplatz. „Wenn mein Vater zum Schrottplatz wollte, musste er immer warten, bis ich Schulschluss hatte. Da wollte ich unbedingt dabei sein“, sagt sie. Später half sie in den Schulferien regelmäßig im heimischen Betrieb, verdiente sich dort mit Ölwechseln und anderen kleinen Aufgaben ihr Geld.

Nach dem erfolgreichen Realschulabschluss im Jahr 2000 strebte sie dann aber zunächst in eine andere Richtung, hatte eine Lehrstelle beim schwedischen Möbelriesen Ikea gefunden. Vier Wochen bevor sie diese antreten konnte, machten die jedoch einen Rückzieher. Scheunemann stand ohne Lehrstelle da und musste sich schnell entscheiden. Da kurz zuvor die Gesetzeslage dahin gehend abgeändert wurde, dass eine Ausbildung auch komplett im Familienbetrieb gemacht werden durfte, lag die Lösung nah: Sandra Scheunemann ging bei ihrem Vater in die Lehre, beendete diese 2004 und wurde 2005 im Alter von 21 Jahren Deutschlands jüngste Kfz-Meisterin.

Die Liebe verschlug sie dann Anfang Juli in den Werra-Meißner-Kreis. Im vergangenen Jahr hatte sie ihre Firma, die sie parallel zu der des Vaters geführt hatte, verkauft. Der Wunsch nach geregelter Tätigkeit war bei der Mutter eines vierjährigen Sohnes stetig gewachsen. Bei Heidenreich habe sie dann beim Bewerbungsgespräch „einfach ein gutes Gefühl“ gehabt. Auch Inhaber Jörg Heidenreich war froh, denn „es ist schwer, jemanden zu finden. Zumal wir eben gezielt nach einer Meisterin gesucht haben.“

Und so behauptet sich Scheunemann weiter in einer Männerdomäne. Das Klischees da sind – für die selbstbewusste 29-Jährige kein Problem. „Gerade bei Lehrgängen muss man immer 140 Prozent geben, immer besser sein als männliche Kollegen“, sagt sie. Auch die Kollegen in Eschwege hätten sie kurz mit ein paar Fragen getestet, aber dann gemerkt: „Die kann was.“

Von Lasse Deppe

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