Interview mit Eschweger Flüchtlingsbeauftragten nach Besuch eines Integrationsprojektes in Kalabrien

Sinnvolle Beschäftigung: Blessy (Mitte) ist mit drei kleinen Kindern aus Nigeria geflohen und arbeitet jetzt in einer Nähwerkstatt der Kooperative in einem der kalabrischen Flüchtlingsdörfer. Foto: Arslan Snafa

Eschwege. 44 Seiten umfasst der Masterplan Integration, den der Landkreis kürzlich vorgestellt hat. Die beiden wichtigsten Pfeiler des Strategiepapiers lauten Arbeit und Sprache. Aktuell leben im Werra-Meißner-Kreis zirka 1300 Flüchtlinge, die in den vergangenen eineinhalb Jahren hier angekommen sind, in Gemeinschaftsunterkünften und Camps.

Das kleine kalabresische Dorf Riace am Mittelmeer im Süden Italiens zeigt schon seit Jahren, wie Integration von Beginn an funktionieren kann. Margot Flügel-Anhalt, für die Stadt Eschwege zuständig für Flüchtlinge, hat den Ort besucht.

Riace nennt sich auch das „Dorf des Willkommens“ und gilt dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR als Vorzeigemodell. Wie haben Sie Riace erlebt?

Margot Flügel-Anhalt: Riace nimmt schon seit mehr als 15 Jahren gezielt Asylbewerber auf. Heute leben hier 1300 Einheimische mit 500 Flüchtlingen. Statt wie andernorts in den Ghettos der Aufnahmelager und Heime zusammengepfercht, wohnen sie in Riace Tür an Tür mit den 1300 Einheimischen, in Wohnungen und Häusern, die vorher leerstanden. Die Verteilung von Asylbewerbern in kleine Gemeinden Italiens, „Accoglienza Diffusa“ genannt, wird inzwischen von der Regierung in Rom propagiert. Diese Unterbringung ist kostengünstiger und fördert die soziale Einbindung.

Wie funktioniert das „Modell Riace“ konkret?

Flügel-Anhalt: Der Grundsatz lautet, sofort mit der Integration der Neuankömmlinge zu beginnen und sie ins normale Alltagsleben einzubinden. Der frühere Dorflehrer und heutige Bürgermeister gründete den Verein Città Futura (Stadt der Zukunft), der inzwischen in Riace vier kleine Läden betreibt, in denen traditionelle Handarbeiten wie Töpfern, Weben und Sticken gepflegt werden.

Für jeden Arbeitsplatz, den der Verein für einen Flüchtling schafft, bekommt auch ein Einheimischer einen Arbeitsplatz. Das umfasst aber auch Dinge wie Straßenreinigung, Bauarbeiten und Tätigkeiten in der Landwirtschaft.

Wie hat das Dorf Riace davon profitiert?

Flügel-Anhalt: Bevor die Flüchtlinge kamen, gab es in Riace keine Geschäfte mehr, viele Häuser standen leer. Inzwischen hat der Ort sogar eine Trattoria, weil im Sommer ab und an Touristen das „Dorf des Willkommens“ anschauen und hier essen wollen. Selbst die kleine Schule wäre längst geschlossen, würden dort nicht heute Migrantenkinder neben wenigen Italienern sitzen. Und Città Futura ist zum größten Arbeitgeber in Riace geworden, für etwa 70 junge Italiener, die in der Flüchtlingsbetreuung arbeiten, aber auch für Migranten.

Wie finanziert sich das Modell Riace?

Flügel-Anhalt: Davon ist es weit entfernt, das ganze Projekt hängt am Tropf staatlicher Gelder. Aber es geht darum, die Ankömmlinge sofort zu integrieren, ihnen Arbeit zu geben und die Möglichkeit, von Beginn an mit der Sprache und der Kultur vertraut zu werden.

Was haben die Italiener für eine Willkommenskultur?

Flügel-Anhalt: Die Süditaliener sind von Natur aus sehr gastfreundlich und haben dort schon immer viele Flüchtlinge. Aber natürlich erleben sie die Not der Flüchtlinge auch ganz direkt, nämlich dann, wenn diese völlig erschöpft an der Küste stranden. Da würde jeder erstmal helfen.

Warum scheint Integration in Deutschland so schwierig zu sein?

Flügel-Anhalt: Wenn Menschen, und hier betrifft das vor allem die alleinstehenden Männer, nicht nur Monate, sondern Jahre in Gemeinschaftsunterkünften oder Camps unter ihresgleichen leben, sinkt ihre Motivation für einen Neuanfang deutlich. Sie ziehen sich wieder zurück. Und dann ist es sehr viel schwieriger, sie nach Jahren in Strukturen zu integrieren. Aber irgendwann werden sie aus den Gemeinschaftsunterkünften ausziehen und dann muss Geld, das jetzt für Wohnungen gespart wird, trotzdem in die Hand genommen werden, nur dass der Integrationsaufwand dann ungleich höher sein wird.

Inwieweit ist das Riace-Modell auf eine Region wie den Werra-Meißner-Kreis übertragbar?

Flügel-Anhalt: Auch hier in der Region gibt es hohen Leerstand, die Bevölkerung schrumpft und ist insgesamt zu alt. Und es gibt auch hier ganz viele Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren. Die muss man zusammenbringen. Denn das Begreifen, wie die Gesellschaft hier funktioniert auf der einen Seite und das Kennenlernen einer ganz anderen Kultur auf der anderen geht nur in 1:1-Begegnungen. (salz)

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