Interview mit Rolf Hochhuth: Politik der Provokationen beenden

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Stellte sein neuestes Buch im März auf der Buchmesse Leipzig vor: Rolf Hochhuth.

Eschwege. Geboren wurde Rolf Hochhuth 1931 in Eschwege: Mittlerweile lebt der international bekannte Dramatiker und Schriftsteller in Berlin. Im März erschien sein neuestes Buch, in dem er sch kritisch mit der Rolle der Nato auseinandersetzt. Darüber sprachen wir mit ihm.

Herr Hochhuth, Sie haben Ihre ersten Lebensjahre in Eschwege verbracht. Haben Sie noch gute Erinnerungen an Ihre Heimatstadt?

Rolf Hochhuth: Die Allerbesten. Es war für mich eine herrliche Heimat, mit sehr liebenswürdigen Verwandten, alle sehr besorgt um einen, ein großer Familienzusammenhalt, große Essen mit mindestens 16 Leuten am Sonntag bei den Großeltern Holzapfel. Die Großeltern Hochhut waren schon tot. Wunderbare Freunde, an der Spitze Hans-Heinrich Koch mit dem ich auch jetzt noch zweimal die Woche telefoniere, einen wunderbaren Deutschlehrer, Vertriebener aus dem Sudetengau, überhaupt sehr humane Lehrer. 

Das Eschweger Gymnasium hat mich nicht einen Tag gequält. Dennoch habe ich mit 14 Jahren beschlossen Stücke zu schreiben und blieb dort nur bis zur Untersekunda. Dann bin ich in die Buchhandlung Vollbrecht entwichen und gab vor ich wollte Buchhändler werden, weil sie sich unsterblich lächerlich machen wenn sie sagen 'Ich will Schriftsteller werden'. Sie können notfalls sagen 'Ich will Opernsänger werden oder Maler', dann zeigt Ihnen zwar jeder den Vogel und denkt, der ist größenwahnsinnig, aber es gibt Schulen dahin. Es gibt Akademien für Maler und Bildhauer, Konservatorien für Musiker, aber Sie können nicht sagen, dass Sie Schriftsteller werden wollen, dann hält Sie jeder für einen Vollidioten, denn dahin gibt es keine Schule.

Sie haben sich in ihrem Erstlingswerk „Der Stellvertreter“ und auch in späteren Stücken mit dem Thema Nationalsozialismus auseinander gesetzt. Hat das etwas mit Ihren Erfahrungen zu tun, wie die amerikanischen Soldaten 1945 Eschwege befreiten?

Hochhuth: Ich wurde am 1. April 14 Jahre, am 3. April waren sie da. Mein Onkel Holzapfel wurde zum Bürgermeister ernannt und nahm mich mit aufs Rathaus. Es gab 20 Reichsmark Gehalt im Monat. Ich saß in seinem Vorzimmer. Mein Onkel hatte durchgesetzt, dass die Amerikaner nicht wild die Häuser besetzten, sondern dies drei Stunden vorher anmeldeten. Ich musste dann in die Häuser rennen und Bescheid geben, dass geräumt werden muss, denn die Amerikaner haben im Gegensatz zu den Russen, Briten und Franzosen nicht mit Deutschen unter dem gleichen Dach wohnen wollen. In den anderen drei Besatzungszonen durften die Deutschen, wenn die Soldaten in ihre Häuser kamen, mit ihnen zusammen wohnen, das wollten die Amerikaner nicht.

Das war sicher eine sehr prägende Zeit.

Hochhuth: Das war die prägendste Zeit überhaupt. Ich habe zu dieser Zeit auch ganz wunderbare Schulkameraden gewonnen, die aus dem Sudetengau oder überhaupt aus Ostdeutschland vertrieben worden waren und nach Eschwege kamen ins Gymnasium. Und das hat auch unseren Horizont natürlich erweitert.

Der Titel Ihres aktuellen Buches lautet „Raus aus der Nato oder Finis Germaniae“. Das klingt äußerst alarmierend. 

Hochhuth: Das ist äußerst alarmierend, dass die Bundesregierung zu schwach ist, zu verhindern, dass die Amerikaner bis 2019 in den Taunus nach Büchel 40 neue Raketen in Richtung Russland stellen. Putin nannte allein Berlin und Washington, die er atomar wegmacht, wenn die Drohungen der Amerikaner weitergehen. Die Amerikaner haben kürzlich 100 Meter, nicht 100 Kilometer, vor Russland in Estland eine Nato-Parade veranstaltet. Frau Merkel konnte Gott sei dank noch verhindern, dass sich Deutsche daran beteiligen. Sie konnte aber nicht mehr verhindern, dass beim Nato-Flottenmanöver vor der Krim – ich frage mich, warum manövrieren die Nato-Schiffe nicht vor Gibraltar, nein vor der Krim – ein deutscher Versorgungsdampfer mitmacht. Immerhin hat sie ja verhindert, dass ein deutsches Nato-Kriegsschiff darunter ist. Die Lage ist äußerst ernst. 

Amerika ist deshalb die gefährlichste aller Nationen, weil sie zwischen sich und dem Gegner immer einen Atlantik oder Pazifik hat. Sie waren eine unvergleichlich humane und große Nation, als sie uns und ganz Westeuropa von Hitler befreiten. Die Engländer hätten die Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944 ohne die Amerikaner natürlich nie zustande gebracht. Der große Roosevelt, der während seiner vierten Amtszeit am 12. April 1945 starb, konnte nicht in den Hitler-Krieg eintreten, denn er hatte seine vierte Wahl gegen das Ehrenwort gewonnen 'Ich bringe Eure Boys nicht nach Europa'. Da tat Hitler ihm den Gefallen, nach seiner Niederlage vor Moskau, den Amerikanern den Krieg zu erklären. Das brachte sie überhaupt nach Europa. Sie waren eine unvergleichlich große Nation, aber sie machen Folgendes: Sie stecken 52 Prozent ihres Budgets ins Militär, ohne einen Gegner zu haben. Sie müssen jenseits der Weltmeere Gegner suchen wie beispielsweise Korea oder Vietnam. Ich will damit nicht sagen sie hätten die Kriege dort alleine angezettelt, aber jetzt suchen sie sich Russland aus, unter dem blöden Vorwand die Krim und die Ukraine befreien zu müssen. Helmut Schmidt sagte drei Wochen vor seinem Tod: 'Hört endlich auf mit dem Unfug der Sanktionen, weder die Krim noch die Ukraine waren jemals selbstständige Staatswesen'. Aber die deutschen Zeitungen drucken das kaum, das ist so einmal am Rande erschienen. 

Ich musste leider den Aphorismus schreiben 'Diktatur – Einheitspartei, Demokratie – Einheitspresse'. Im deutschen Fernsehen wird so etwas überhaupt nicht gesagt und ich bin eigentlich auch stolz darauf, dass niemals ein Stück von Hochhuth im deutschen Fernsehen gezeigt werden durfte. Die beiden großen Filme, die über meine Stücke gemacht worden sind, wurden von Ausländern produziert. Der Pole Andrzej Wajda hat meine Erzählung 'Eine Liebe in Deutschland' und der griechisch-französische Filmregisseur Costantin Costa-Gavras hat meinen 'Stellvertreter' verfilmt. Das deutsche Fernsehen hat mich niemals zur Mitarbeit zugelassen. Ich bin das rote Tuch hierzulande.

Im Kalten Krieg war die Nato noch unser Verbündeter im Kampf gegen den Klassenfeind. Wie vollzog sich die Verwandlung der Nato vom Beschützer zur vermeintlichen Bedrohung?

Hochhuth: Natürlich war die Nato ein Verbündeter. Was ich auch nicht gewusst habe, ich bin natürlich ein eingefleischter Wessi, ich konnte sozusagen nur die Hälfte der Welt bedenken: Ich hatte geglaubt, die Nato sei gegründet worden zum Schutz gegen den Warschauer Pakt, aber das Gegenteil ist die Wahrheit. Der Warschauer Pakt wurde lange nach der Nato gegründet. Er ist nun seit der Wende, einem Vierteljahrhundert, an Überflüssigkeit verendet. Trotzdem stellt die Nato - erst kürzlich hat sie angemahnt, dass Frau Merkel ihr wieder 25 Milliarden überweist - sogar nach Montenegro modernste Waffen gegen Russland. Man muss sich die Lächerlichkeit mal vorstellen. 

Neulich ist die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, auch völlig vergeblich natürlich, nach Wien gereist, um die Österreicher zu überreden in die Nato einzutreten. Dabei weiß diese Frau ganz genau, dass Stalin Österreich gegen die Zusicherung sich keinem Bündnis anzuschließen freigegeben hat. Jetzt versucht sie, und warum ausgerechnet eine Deutsche, Österreich für die Amerikaner in die Nato einzuwerben. Frau von der Leyen stört sich nicht daran eine halbe Milliarde an Bundeswehr-Schrott ausgerechnet ins Baltikum zu verkaufen. Warum verkauft sie nicht nach Mexiko oder Ägypten? Die Sucht, sich mit den Russen anzulegen, wird tödlich enden für Deutschland. Es gibt von Brecht ein Wort 'Das große Karthago führte drei Kriege: Nach dem ersten war es noch mächtig, nach dem zweiten noch bewohnbar, nach dem dritten nicht mehr aufzufinden'. Das wird unser Schicksal, wenn wir uns nicht aus der Umklammerung durch die Amerikaner lösen. Das heißt, wenn wir uns als Kanonenfutter gegen Russland vorschieben lassen. 

In Deutschland denkt kein Politiker an die Tatsache, dass wir die einzige Nation der Welt sind, die in nur 26 Jahren zweimal auf die Krim gestiefelt ist. Es ist absolut gegen das Testament Friedrich des Großen und des anderen großen Preußen Bismarck. Der alte Fritz schrieb in seinem Testament, er verbiete allen Nachfolgern jemals mit den Barbaren im Osten Handel anzufangen, weil wir den Schaden den sie uns zufügen können, ihnen niemals heimzahlen können. Bismarck sagte wörtlich: 'Solange ich amtierender Ministerpräsident bin, verbiete ich strategische Planspiele gegen Russland. Weil das Reich selbst im unwahrscheinlichen Fall eines Gelingens, einen Krieg gegen Russland niemals hinter sich, sondern immer nur vor sich haben könnte.' Aber die deutschen Politiker blödeln vor sich hin. 

Dass heißt, es gibt Anzeichen dafür, dass auch Frau Merkel absolut keinen Konflikt mit Russland will, dass sie aber von den Amerikanern dazu gezwungen wird. Es ist so, dass leider nur ein einziger deutscher Politiker neulich den Mut hatte zu sagen: 'Wir sind seit 1945 kein souveräner Staat`. Das hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble gesagt. Und die deutsche Presse feixte, vom Fernsehen gar nicht zu sprechen, dass Fernsehen würde so etwas überhaupt gar nicht erst berichten.

Ist das, was sie eben geschildert haben, dass die Amerikaner uns in einen Krieg mit Russland treiben wollen, Ausdruck der Wandlung innerhalb der Nato vom Beschützer zum Gefährder?

Hochhuth: Genau so ist das. Sie müssen sich das so vorstellen, ich habe eben bereits angesprochen, den Warschauer Pakt gibt es seit der Wende nicht mehr. Warum stellt jetzt Amerika in alle Staaten des Balkans modernste Waffen, und macht sich sogar damit lächerlich, dass sie Montenegro noch in die Nato mit einbeziehen? Österreich hält Stand und macht da nicht mit.

Wird gerade richtig mobil gemacht gegen Russland? 

Hochhuth: Warum machen wir das?

Vielleicht weil Russland zusammen mit China eine riesige Wirtschaftsmacht darstellen würde?

Hochhuth: Die Russen sind inzwischen sehr befreundet mit China. Sie waren lange Todfeinde. Der konträre Geist zwischen China und Russland ist beigelegt und die Amerikaner suchen, wie Helmut Schmidt es wörtlich gesagt hat, einen Vorwand. Sie müssen einen Kriegsgrund suchen. Die Amerikaner sind auch deshalb der gefährlichste Staat, nicht nur, weil sie seit über 150 Jahren keinen Krieg mehr auf dem eigenen Kontinent hatten, abgesehen vom 11. September, als diese Wahnsinnigen in die Türme geflogen sind. Es gibt eine halbe Million amerikanischer Familien, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg zusammen einen Angehörigen verloren haben. Alle anderen auf dem amerikanischen Kontinent kennen Krieg nur aus dem Kino. Die Russen dagegen haben 27 Millionen Menschen im Hitler-Krieg verloren, die wissen was Krieg ist. Es ist die Pflicht Putins sein Land zusammenzuhalten. Die Ukraine und die Krim haben immer zu Petersburg und dann Moskau gehört.

Wäre Ihrer Ansicht nach ein vollständiger Ausstieg Deutschlands aus der Nato ratsam? 

Hochhuth: Nein, das wird wahrscheinlich nicht möglich sein. Aber, man muss die Nato mit den Russen an einen Tisch bringen und darf sich nicht von den Amerikanern vorspannen lassen die Russen ohne jeden Grund zu provozieren. Es geht uns Deutsche schlicht nichts an, ob die Krim zu Kiew oder zu Moskau gehört. Vor drei Jahren konnte ich noch in einem großen Artikel in der Welt schreiben: 'Was geht uns Deutsche die Krim an'. Das wäre heute vollkommen undenkbar, dass man in einer der großen Zeitungen mit diesem Einwand noch zu Wort käme. Die deutsche Presse ist die angepassteste Europas und ihre Machthaber sind vollkommen würdelos, was die Wahrheit betrifft.

Sollte Deutschland im Falle eines Ausstieges mehr mir Russland kooperieren oder sollte Deutschland künftig eher eine neutralere Position einnehmen?

Hochhuth: Wenn das, was die beiden einzigen genialen deutschen Politiker die Preußen hervorgebracht hat, Friedrich der Große und Bismarck, gesagt haben, als Warnung nicht reicht, wenn es nicht einmal zur Kenntnis genommen wird, dann wird Deutschland verenden. 1916, genau vor hundert Jahren, hatte der Kaiser einen sehr klugen Reichskanzler, Theobald von Bethmann Hollweg. Als die deutschen U-Boote anfingen nicht nur englische Schiffe zu versenken, sondern auch amerikanische oder auch englische Passagierschiffe auf denen Amerikaner nach Amerika reisten, sagte dieser Kanzler: 'Majestät, wenn das nicht aufhört, tritt Amerika in den Krieg ein' – und das ist Finis Germaniae. Und jetzt ist es soweit, dass zwar nicht ein deutscher Reichskanzler dies dem Kaiser sagt, aber das jeder vernünftige Mensch der deutschen Regierung sagt: 'Wir dürfen nicht das Kanonenfutter des Pentagons werden'. Russland ist unser Nachbar und wir dürfen uns nicht zum dritten Mal einschalten lassen auf die Krim zu stiefeln.

Deutschland ist nicht nur über das Militärbündnis Nato mit Amerika verbunden, sondern auch über andere wirtschaftliche und politische Bündnisse wie etwa der Atlantikbrücke. Sollte man diese Verbindungen ebenfalls lösen?

Hochhuth: Die enge wirtschaftliche und kulturelle Verknüpfung mit Amerika muss und soll bleiben, aber sie darf nicht zu militärischen Verknüpfungen in der Weise führen, dass wir gegen Russland aufgerüstet werden.

Kann man sagen, dass die Bundesregierung nicht mehr im Interesse der eigenen Bevölkerung handelt?

Hochhuth: Nein, dass kann man nicht sagen. Sie handelt bestimmt im Interesse der eigenen Bevölkerung, ist aber offensichtlich zu schwach. Weshalb weiß ich nicht. Es gibt da vielleicht Geheimabsprachen und Verträge, von denen man als normaler Bürger nichts erfährt. Es ist ganz bestimmt der Wille von Frau Merkel, wie schon der von Helmut Kohl, Frieden mit Russland zu machen. Aber wir sind eben Betrüger. Helmut Kohl gab Herrn Gorbatschow das Ehrenwort, dass die Nato keinen Meter nach Osten vorrückt, wenn er den Deutschen die Freiheit schenkt sich wiederzuvereinigen. Die Nato ist aber 1000 Kilometer nach Osten vorgerückt, das ist ein Drittel des Weges nach Stalingrad. Wir sind verrückt geworden.

Welche Folgen hätte ein Austritt aus der Nato für Deutschland? Würde das das Ansehen in der Welt oder die Rolle Deutschlands in der Europäischen Union schwächen? 

Hochhuth: Ich glaube, dass die Deutschen nicht die einzigen Europäer sind, die Angst vor der Nato haben. Sogar dann, wenn sie dem Bündnis angehören. Aber es ist auch sehr gefährlich auszutreten: Auf den französischen General Charles de Gaulle wurden vier - nach anderer Meinung sechs - Attentate verübt, als er Frankreich von der Nato befreit hat. Sein Nachfolger ist ängstlich wieder eingetreten, obwohl es gar keinen Grund mehr für das Bestehen der Nato gibt. Denn Russland bedroht Westeuropa in gar keiner Weise. Russland ist bedroht von einem Bürgerkrieg zwischen der Ukraine und Moskau, der aber auch wahrscheinlich nur geschürt wird von den Amerikanern. Und der uns vor allem überhaupt nichts angeht.

Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass es zu einem dritten Weltkrieg kommen könnte?

Hochhuth: Sehr hoch. Und sie finden in meinem Buch dazu ein Wort von Gorbatschow, der ganz genau das selbe sagt über einen kommenden dritten Weltkrieg, wenn Amerika seine Politik der Provokation und der Demütigung Russlands nicht ändert. Auch der ehemalige Chefredakteur der Zeit, Theo Sommer, hat das selbe vor einigen Monaten in der Zeit geschrieben.

• Das aktuelle Buch von Rolf Hochhuth „Ausstieg aus der Nato – oder Finis Germaniae: Katastrophen und Oasen. Essays, Briefe, Gedichte“ erschienen im Verlag Zeitgeist Print & Online gibt es für 24,80 Euro im Buchhandel. 312 Seiten, ISBN-10: 3943007111, ISBN-13: 978-3943007114.

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