Clothilde Cahn lebte bis 1881 in Eschwege

Israelisches Ehepaar Noar besucht Eschwege: Spuren der Urgroßmutter erforscht

Hier lebte Clothilde Cahn: Arieh Noar (Mitte), seine Frau Naomi und Stadtarchivar York-Egbert König erkundeten die Heimat von Noars Urgroßmutter. Foto:  Faust

Eschwege. Am Eschweger Fachwerk kann sich Arieh Noar kaum sattsehen. „Es gibt solche Gebäude in ganz Deutschland, aber noch nie habe ich so viele Fachwerkhäuser auf einmal gesehen", schwärmt er.

Am liebsten möchte der Israeli, der noch bis zum gestrigen Donnerstagnachmittag gemeinsam mit seiner Frau Naomi in Eschwege weilte, seinen Blick nicht mehr abwenden.

Der Besuch der beiden hat einen ernsten und besonders für Arieh Noar einen bedeutsamen Hintergrund: Seine Urgroßmutter Clothilde Cahn wurde 1859 in Eschwege geboren und lebte bis zum Jahr 1881 in einem Haus am Obermarkt. Noar sagt: „Ich wollte schon immer mehr über meine familiären Wurzeln wissen. Das Leben ist kurz und ich bin sehr froh, dass ich jetzt hier sein kann.“

Dass der 65-Jährige so viel über seine Urgroßmutter Clothilde erfahren hat, ist Stadt-archivar York-Egbert König zu verdanken. Nach einem ersten Kontakt per E-Mail Anfang Februar tauschten sich beide Männer immer wieder aus. Wenige Monate später kam es zum Treffen.

Ins KZ deportiert

König recherchierte unter anderem in Gedenkbüchern, alten Zeitungsausschnitten und dem Synagogenbuch aus dem Eschwege der damaligen Zeit. Er berichtet: „Clothilde Cahn heiratete 1881 den Malermeister Leonhard Cohn aus Neuss am Rhein. Die beiden hatten vier gemeinsame Kinder, Clothilde verließ Eschwege kurz nach der Hochzeit. Arieh Noar stammt von einer von Clothildes Töchtern ab.“ Die ist ungefähr 1943 in einem von den Nazis betriebenen Konzentrationslager ums Leben gekommen. Noars Mutter Ilse habe Deutschland im Alter von 17 oder 18 Jahren verlassen - sie wanderte über Dänemark, Schweden, Russland und die Türkei nach Haifa, einer Stadt im heutigen Israel, aus und überlebte die NS-Diktatur unbeschadet.

Urgroßmutter Clothilde starb 1933 an einer plötzlichen Herzattacke auf dem Bahnhof von Neuss. Ihr Mann Leonhard, dessen Vornamen Arieh Noar als Zweitnamen trägt, wurde noch im hohen Alter von 88 Jahren ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er 1943 ums Leben kam.

Schöner als in Weimar

Weil auch seine Mutter früh verstarb, habe Arieh Noar seinen Drang nach Wissen über die eigene Herkunft nie richtig stillen können. Umso glücklicher ist er, dass der Kontakt mit dem Eschweger Stadtarchivar zustande kam. Er sagt: „Ich musste einfach hierher kommen. Und hätte ich gewusst, wie schön es ist, wäre ich gerne noch länger geblieben.“

Im Vergleich zu anderen deutschen Städten sei Eschwege etwas Besonderes - Arieh und Naomi Noar sind schon mehrfach in Deutschland gewesen, erkundeten bereits München, Köln und Weimar. Für das Ehepaar steht zweifelsohne fest: „Wir werden schon bald wiederkommen.“

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