Hessisch Lichtenau ist Vorreiter

Kastration von Katzen: Städte im Werra-Meißner-Kreis sehen keine Not

Herrenlos: Im Tierheim Eschwege werden regelmäßig Katzenbabys aufgenommen. Foto:  privat/nh

Werra-Meißner. Freilaufende und streunende Katzen stellen Städte und Gemeinden vor große Herausforderungen. Das Tierheim in Eschwege, der Tierschutzverein Witzenhausen und die Katzennothilfe in Hessisch Lichtenau fordern schon lange die Einführung einer Kastrationspflicht.

Dem stimmt auch das Veterinäramt in Eschwege zu: „Wir haben eine Empfehlung herausgegeben, die Kastrationspflicht einzuführen“, sagt Amtsleiter Eckhard Schinkel.

Während Hessisch Lichtenau als erste Kommune in Hessen bereits im Oktober 2012 die Kastrationspflicht eingeführt hat, konnten sich andere Städte und Gemeinden bislang nicht dazu durchringen. Die Gründe für das zögerliche Handeln sind vielfältig, dabei warnt Gudrun Schmidt, Vorsitzende des Tierheims in Eschwege, dass sich die Lage bald zuspitzt: „Seit Mitte Mai werden wieder die ersten Jungtiere geboren.“

Katzen könnten im Jahr zwei bis dreimal jeweils vier bis sechs Junge bekommen. Da Eschwege jedes Jahr mit der Katzenschwemme zu kämpfen habe, bietet das Tierheim Kastrationsgutscheine für weibliche Katzen an. Somit müssen Katzenhalter nur die Hälfte der etwa 120 Euro teuren Operation zahlen. Die Kreisstadt Eschwege hat sich mit dem Thema beschäftigt, sich aber gegen eine Kastrationspflicht entschieden: „Es bestehen erhebliche rechtliche Bedenken eine Kastrationspflicht per Gefahrenabwehr zu verordnen“, argumentiert Stadtrat Reiner Brill.

„Uns liegen in Bad Sooden-Allendorf derzeit keine Beschwerden wegen streunender Katzen vor“, sagt Fachbereichsleiterin Edith Müller. Die Kastrationspflicht werde zwar diskutiert, bislang gebe es aber keine Ergebnisse. Die Stadt rufe jedoch auf ihrer Homepage zur Kastration auf.

Großalmerodes Bürgermeister Andreas Nickel sieht indes auch keinen akuten Handlungsbedarf: „Wir haben glücklicherweise die Katzennothilfe und fühlen uns gut aufgestellt.“

Die stets wiederkehrende Katzenschwemme und eine Kastrationspflicht sind auch auf Kreisebene diskutiert worden. Zuständig ist aber die Ordnungsverwaltung der jeweiligen Stadt oder Gemeinde. Jede Kommune müsste demnach eine Satzung in die Gefahrenverordnung aufnehmen.

Die Stadt Eschwege hat erhebliche rechtliche Bedenken eine Kastrationspflicht per Gefahrenabwehr zu verordnen. Solch eine Regelung setze laut Stadtrat Reiner Brill zumindest eine abstrakte Gefahr voraus. Von Tierschützern werde argumentiert, dass Katzen Träger von Infektionserregern sein könnten, die Krankheiten auf Menschen übertragen. Es seien aber keine Fälle bekannt in denen der Populationsanstieg von Katzen zu konkreten Gefahren für die Bevölkerung geführt hat. Außerdem gelte dies auch für alle anderen wild lebenden Tiere wie Vögel und Igel, die im menschlichen Umfeld leben.

Wenn man die Ansicht vertrete, dass eine Kastrationspflicht zur Gefahrenabwehr notwendig sei, könne eine kommunale Gefahrenabwehrverordnung nicht das Mittel der Wahl sein, argumentiert Brill. „Katzen streunen auch über die Kreisgrenzen hinweg - es müsste also eine Gefahrenabwehrverordnung auf Landesebene erlassen werden, wenn sie sinnvoll greifen soll.

Praktisch sei solch eine Bestimmung nicht umsetzbar. Es gebe keine Registrierungspflicht für Katzen. Die Verwaltung könne nirgends ansetzen, um die Pflicht umzusetzen. Dem stimmt auch Großalmerodes Bürgermeister Andreas Nickel zu. Brill gab auch zu Bedenken, dass es verschiedene Arten von Katzen und unterschiedliche Besitzverhältnisse gibt: „Eigentümer halten Katzen ausschließlich im Haus, Freigängerkatzen dürfen ins Freie und kehren zu einem Besitzer zurück, und es gibt streunende Katzen.“

Letztere seien in der Regel das Problem, weil sich niemand um die Kastration kümmere. Sie gehörten aber niemanden, gegenüber dem die Pflicht durchgesetzt werden könne. Daher führe die Regelung für diese „Problemkatzen“ nicht zu einer Lösung. „Die Freigänger und im Haus gehaltene Katzen werden meist ohnehin kastriert, weil die Eigentümer auch ein Interesse daran haben“, sagt Brill.

Großalmerodes Bürgermeister Andreas Nickel sieht in einer möglichen Erweiterung der Gefahrenabwehrverordnung keine wirkliche Handhabe. Es sei kaum möglich die Kastrationspflicht zu kontrollieren und zu ahnden.

Brill ergänzt: „Durch die Durchsetzungsprobleme könnte die Regelung in der Öffentlichkeit leicht als Papiertiger betrachtet werden.“ Die Ordnungsverwaltung würde als unglaubwürdig dastehen, wenn sie eine Vorschrift hat, sie aber nicht durchsetzt. Zudem würde mit Gleichbehandlung argumentiert, denn andere Tatbestände der Gefahrenabwehrverordnung, das Hinterlassen von Hundekot und das achtlose Wegwerfen von Abfall würden geahndet. (alh)

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