Gericht spricht 31-Jährigen frei

Keine Beweise für Missbrauch

Werra-Meißner. „Der Angeklagte hat ein schlechtes Gewissen. Das sieht man ihm an.“ Viel mehr konnte der Staatsanwalt einem 31-Jährigen aus dem Werra-Meißner-Kreis nicht vorwerfen. Es fehlten die Beweise. Die rechtsstaatlich logische Folge: Das Jugendschöffengericht Eschwege unter Vorsitz von Richterin Sprenger sprach den Mann gestern vom Vorwurf des jahrelangen sexuellen Missbrauchs an seiner heute 14 Jahre alten Nichte frei.

Er glaube nach wie vor, da sei „was gelaufen, was nicht richtig war“, hielt der Anklagevertreter seinen „ganz erheblichen Tatverdacht“ aufrecht. Und auch die Nebenklägerin ist überzeugt: „Irgendwas muss gewesen sein. Wir können es nur nicht aufklären.“

Was genau da gewesen sein soll, hatte die 14-jährige Charlotte* (*alle Namen von der Redaktion geändert) in verschiedenen Versionen zunächst der Polizei und später einer Sachverständigen erzählt. So soll Onkel Berthold* das Kind bis hin zum Geschlechtsverkehr schon sexuell missbraucht haben, als es gerade mal drei Jahre alt war. Insgesamt dreizehn Missbrauchsfälle bis zum Jahr 2010 waren dem Onkel zur Last gelegt worden, verübt in der eigenen oder der Wohnung von Charlottes Mutter, wenn die nicht zu Hause war. Tatsächlich hatte das Mädchen auch Geschlechtsverkehr. Der heute 14 Monate alte Sohn, der dabei herauskam, stammt jedoch nicht vom Onkel, sondern aus einer Liebelei mit einem neun Jahre älteren Mann, der wegen dieser Straftat rechtskräftig verurteilt worden ist.

Der Freispruch, auf den alle Prozessbeteiligten plädiert hatten, stützte sich letztlich einzig und allein auf das „aussagepsychologische Gutachten“ der Sachverständigen, der sich das Mädchen erst in einem zweiten Gespräch mehr oder weniger geöffnet hatte. Dabei kamen Zweifel auf, ob sich die 14-Jährige überhaupt an einen von ihr geschilderten Tatablauf erinnern könne, der elf Jahre zurück gelegen habe. Ohne dem vermeintlichen Opfer eine absichtliche Lüge zu unterstellen, konnte die Gutachterin nicht ausschließen, dass sich Charlotte die Geschichte vor einem anderen Hintergrund ausgedacht habe. Der Bezug zu einem realen Erlebnis sei jedenfalls nicht nachweisbar.

Ein Grund könnte nach Vermutung der Sachverständigen sein, dass die frühe Schwangerschaft des Mädchens publik wurde. Auf dem Schulhof, so Richterin Sprenger auf Nachfrage unserer Zeitung, sei darüber getuschelt worden, so dass zunächst das Jugendamt und dann auch die Polizei eingeschaltet worden seien.

In der Urteilsbegründung hieß es, das Gutachten sei in sich schlüssig. Den widersprüchlichen und „nicht konstanten“ Aussagen der 14-Jährigen, die wie alle anderen Zeugen in dem Prozess gestern nicht mehr gehört wurde, könne das Gericht „nicht genügend Glauben schenken“. Ein „objektiver Grund“, der den Missbrauch belege, sei nicht zu erkennen.

Unbeantwortet blieb die Frage der Staatsanwaltschaft, ob das Gutachten möglicherweise fehlerhaft sei. (zcc)

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