Semere Emahatsion floh aus seinem Heimatland

Eritreer macht Praktikum im Seniorenpflegeheim in Eschwege

Ohne Verständigungsschwierigkeiten: Charlotte Wagner und Semere Emahatsion verstehen sich prima. Mit der Seniorin kann der Flüchtling aus Eritrea Englisch reden. Das funktioniert noch besser als die Verständigung auf Deutsch. Foto: Sagawe

Eschwege. Mit Charlotte Wagner verstand sich Semere Emahatsion auf Anhieb. Das lag nicht nur an der gegenseitigen Sympathie, sondern auch daran, dass die 94-Jährige sich auf Englisch mit dem jungen Mann aus Eritrea verständigen konnte.

„Das funktioniert noch besser als auf Deutsch“, sagt der 22-Jährige, der gerade Praktikant im städtischen Seniorenwohnheim am Brückentor in Eschwege ist.

Semere Emahatsion ist seit knapp zwei Jahren in Deutschland. Er wohnt in einer Flüchtlingsunterkunft in Hessisch Lichtenau. Zu der Praktikumsstelle in Eschwege fährt der Asylbewerber jeden Tag mit dem Bus. Ansonsten besucht er eine Berufsschule, lernt deutsch und bereitet sich in einem Kurs auf die Berufsausbildung vor. Er möchte Krankenpfleger werden und nutzt den Monat im Seniorenzentrum, um den artverwandten Beruf kennenzulernen.

Semere Emahatsion helfe in den Gruppen und kümmere sich um die Vorbereitung der Übungen, erzählt Ergotherapeutin Petra Poppe, die sich während des Praktikums um den jungen Mann aus dem ostafrikanischen Land kümmert. Für zwei Wochen arbeitet er jetzt in der Demenzgruppe, unterstützt die hilfsbedürftigen Senioren im Alltag und bei ihren Wegen durch das Haus. Er leistet den Männern und Frauen Gesellschaft, führt sie durch den Park und unterstützt damit auch die Mobilität der Senioren.

In Eritrea besuchte er nach dem Abitur die Orientierungsstufe eine Schule, bevor er das krisengeschüttelte Land verließ. Über den Sudan erreichte Semere Emahatsion Libyen, wo er inhaftiert wurde. Nach der Entlassung flüchtete er über das Mittelmeer nach Italien. Vor allem wegen des unbefristeten Militärdienstes und der Militärdiktatur in seinem Heimatland habe er sich zur Flucht entschlossen, erzählt der 22-Jährige. Jungen Menschen werde jegliche Hoffnung auf Zukunft geraubt. Emahatsion sagt: „Es gibt keine Freiheit in Eritrea, man darf nicht sagen, was man denkt.“ Sein Vater ist dort im Gefängnis und seine Mutter bereits verstorben. Seine sechs Geschwister leben noch in Eritrea.

Die Betreuung alter Menschen in Seniorenheimen kennt Emahatsion aus seiner Heimat nicht. Pflegeheime gebe es in Eritrea nicht. Alte Menschen würden zu Hause in den Familien von Angehörigen versorgt.

Von Harald Sagawe

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