K.I.Z. - Prolos, Asis oder Ironiker?

An den vier Jungs von K.I.Z. scheiden sich seit jeher die Geister: Während die einen Tarek, Nico, Maxim und DJ Craft Sexismus und Fäkalsprache der untersten Schublade vorwerfen, werden sie von anderen für ihren angeblich subtilen Humor gelobt. Aber wie man’s auch dreht und wendet - wenn K.I.Z. die Bühne entern, dann tobt das Publikum.

Heute Abend sind die Berliner der erste richtig namhafte Act auf der Seebühne am Werratalsee - und das Gute daran ist, dass nach Mitternacht wohl den wenigsten der Festival-Besucher nach vier Stunden Dauerbeschallung noch nach großem Tiefsinn zumute sein dürfte. Oder wie Nico es formuliert: „Unser Angebot ist betreutes Denken.“

Man kann ihnen sicherlich vieles vorwerfen, aber eines haben die Krawall-Rapper auf jeden Fall: Ein Näschen für das, was beim Publikum ankommt. Da macht es denen eigentlich aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammenden Jungs auch nichts aus, die Prolls zu mimen. Und das kommt an. Denn K.I.Z sind eine Band, die ihre Anhänger aus den verschiedensten Schichten rekrutiert. Bei einem Konzert treffen HipHop-Kids mit Straßen-Credibility auf Weißbier trinkende Gymnasiasten und Punks, im Publikum stehen Akademiker und Bauarbeiter einträchtig nebeneinander. Also genau die richtigen, um die heterogene Zuhörerschaft bei einem Festival-Konzert zu begeistern.

Das Quartett veröffentlichte früher auf dem legendären HipHop-Indie Royal Bunker und ist heute bei Universal unter Vertrag. Sido war auf einer ihrer Platten zu hören - er rappte über die überschaubare Größe seines Geschlechtsteils -, aber auch Bela B. von den Ärzten konnte als Duettpartner gewonnen werden. Rap-Seiten berichten über die Berliner ebenso wie die Feuilletons großer Tageszeitungen.

Das ist einigermaßen bemerkenswert, weil sich die Arbeitsweise der Band in den letzten Jahren nicht wirklich veränderte.

Motor der Songs ist stets der Tabubruch. Die Mittel: Geschlechtsteile. Körperflüssigkeiten. Gewalt. Und die Songs finden gerne in sozialen Milieus statt, mit denen der Durchschnittshörer sonst nicht in Berührung kommt. Das kann die Asi-Kneipe am Eck sein, aber auch die Jugendgang-Szene in Berlin.

Oft genug handelt es sich bei den Texten aber auch um durchaus schön ausgearbeitete Fantastereien: In „Straight Outta Kärnten“ etwa erzählten K.I.Z. die Geschichte des Lovers von Jörg Haider - kein Jahr nach dem tödlichen Autounfall des Kärntner Rechtspopulisten ein hübscher, posthumer Tritt in den Allerwertesten.

„Biergarten Eden“ schließlich, das im letzten Jahr ausschließlich übers Internet veröffentlicht wurde, war eine süffisante und punktgenau zur Weltmeisterschaft veröffentlichte Hymne auf die Kombination von Fußball und Nationalstolz - die Ärzte hätten’s nicht besser hinbekommen.

Gleichzeitig zeigte der Song: K.I.Z. versteht nicht jeder. „Sind das jetzt Nazis oder Linke“, fragte ein ratloser Internet-User ob Textzeilen wie „Immer wenn ‘ne Mutter einen blonden Knaben gebärt, verlässt ein neuer Volkswagen das Werk“.

Maxim muss lachen, spricht man ihn auf die bisweilen etwas eigentümliche Rezeption des Songs an. „Ich finde das super, wenn die Leute denken, dass wir Nazis sind“ - und bezeichnet sich und Nico folgerichtig als „die SA der Partei“. Dass solche Gedanken völlig absurd sind, erkennt man natürlich rasch, wenn man sich ein bisschen mit K.I.Z. beschäftigt: So riefen die Berliner im Februar 2010 mit einem Youtube-Video zur Teilnahme an der antifaschistischen Demonstration „Dresden nazifrei“ auf.

Dennoch: Die Band vermeidet es, derlei fas

sbare Ideologien zum Teil ihrer Kunst zu machen. „Ich muss nicht irgendwelche Werte, die sich irgendjemand anders ausgedacht hat, vertreten oder verteidigen oder Jugendlichen mit meiner coolen Hip-Hop-Musik einpflanzen“, sagt Maxim, wenn man ihn fragt, ob die Band so etwas wie einen gesellschaftlichen Auftrag habe.

„Urlaub fürs Gehirn“ - so der Name ihres neuesten Albums wird von der Kritik zwiespältig gesehen. Während die einen von einer „hübschen, angemessen ruppigen Rallye durch allerhand Pöbeleien sprechen“ sehen andere K.I.Z. hingegen angesichts der aktuellen Veröffentlichung „am Tiefpunkt“ angelangt.

Wer nun Recht hat, davon können sich die Zuhörer heute Abend selber überzeugen. Klar bleibt nur eines: An K.I.Z werden sich auch an der Seebühne die Geister scheiden.

Von Sonja Berg

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