Der Marsch im Morgengrauen

Ankunft in Auschwitz: Dieses Foto zeigt Frauen und Kinder, die von den Nationalsozialisten mit einem Sonderzug der Reichsbahn in das Konzentrationslager deportiert wurden.

Eschwege. Im Morgengrauen laufen sie los: Hunderte Schüler werden am Donnerstag, 6. September, mit einem Gedenkmarsch an jene jüdischen Bürger aus Eschwege und Umgebung erinnern, die vor 70 Jahren vom Stadtbahnhof aus in den Tod deportiert worden waren.

Genau wie die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung damals werden sie dabei den Weg vom Schulberg über die Bahnhofstraße zu den Gleisen zurücklegen. Um 5.23 Uhr, der Abfahrtszeit des dritten und letzten Deportationszuges aus der Kreisstadt, soll dann am neuen Stadtbahnhof ein besonderes Denkmal enthüllt werden: Es handelt sich dabei um einen in Bronze gegossenen Koffer, der vor allem an das Schicksal der Eschweger Juden, die nur einen Koffer mit sich führen durften, erinnern und gleichzeitig das Nachdenken über die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt anstoßen soll. Die Zeremonie am Stadtbahnhof wird von der Vorsitzenden der jüdischen Kultusgemeinde für Göttingen, Eva Tichauer-Moritz, mit einem Gebet begleitet. Schüler werden die Namen aller Deportierten verlesen und anschließend für jedes Opfer einen kleinen Stein am Koffer niederlegen.

Schon am Abend zuvor, also am Mittwoch, 5. September, wird in der Sparkasse Werra-Meißner die Wanderausstellung „Sonderzüge in den Tod“ der Deutschen Bahn eröffnet. Insgesamt wurden im Zweiten Weltkrieg etwa drei Millionen Menschen aus fast ganz Europa mit Zügen in die Vernichtungslager des NS-Regimes transportiert. Die 40 Tafeln erinnern an Einzelschicksale von Kindern, Frauen und Männern, die von ihren Heimat- und Fluchtorten in den Tod deportiert wurden. Außerdem schildern Überlebende in Zeitzeugeninterviews die grauenvollen Zustände in den Zügen. Auch die fahrplanmäßige und betriebliche Durchführung der Transporte sowie die Verantwortlichkeiten in den Ministerien wird dargestellt.

Zudem wird auch Monica Kingreen vom Fritz-Bauer-Institut zur Ausstellungseröffnung sprechen. Sie ist die Expertin für Deportationen von Juden in Nordhessen.

„Es wird uns hoffentlich gelingen, mit den Gedenkveranstaltungen weitere wichtige Beiträge zur Erinnerungskultur in Eschwege zu leisten“, so Stadtarchivar Dr. Karl Kollmann. Mit Stadtverordneten sowie hiesigen Historikern und dem Ideengeber, dem ehemaligen Eschweger Jochen Schweitzer hat er das Programm geplant.

Von Melanie Salewski

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