„Nirgendwo steht, dass man töten soll“

Interview: Ausländerbeiratsmitglied Hend Claus über die Situation der Muslime im Kreis

Werra-Meissner. Islamistische Jugendliche, die von Deutschland aus in den „Dschihad“ (Heiliger Krieg) ziehen, „Scharia-Polizisten“ auf deutschen Straßen, gewalttätige Ausschreitungen zwischen Kurden und Anhängern der radikalislamischen IS-Miliz. Religiös motivierte Straftaten bestimmen derzeit fast täglich die Nachrichten. Über das Bild der Muslime im Werra-Meißner-Kreis haben wir mit Hend Claus, Mitglied des Ausländerbeirates der Kreisstadt Eschwege, gesprochen.

Frau Claus, was haben radikale Islamisten überhaupt mit dem im Werra-Meißner-Kreis gelebten Islam zu tun? 

Hend Claus: Überhaupt nichts. Der Islam ist eine friedliche Gemeinschaft. Radikale gibt es ja leider in jeder Religion. Nirgendwo im Koran steht, dass man Menschen umbringen soll, die einen anderen Glauben haben. Da distanziert sich der Islam absolut von. Die Radikalen verfolgen eine ähnliche Strategie wie die Nazis. Sie greifen sich Menschen ohne Perspektive und überzeugen die von ihrem Gedankentum. 

Immer wieder tauchen in den Medien Geschichten von Jugendlichen auf, die sich radikalisieren lassen. Sind junge Menschen in dieser Thematik beeinflussbarer? 

Claus: Ja, definitiv. Oft sind es ja sogar Jugendliche, die hier geboren wurden. Ihnen wird Geld geboten und Halt vorgegaukelt. Denn häufig sind es gerade die Jugendlichen, die kulturell nicht integriert sind und wenig familiären Halt haben. Sie leben eigentlich verloren in einem Loch. Die Radikalen bieten denen ein soziales Netz, so nach dem Motto: Wir bieten dir eine Familie.

Wie werden solche Medienberichte innerhalb der Gemeinden und Verbände thematisiert? 

Claus: Man redet viel drüber, weil alle selbst fassungslos sind. Egal mit wem ich mich unterhalte, alle sagen immer: „Das sind keine Muslime, die gehören nicht zum Islam.“ Bibel und Koran sind auch gar nicht so unterschiedlich. Es gibt zwar unterschiedliche Propheten, aber beide bringen Gottes Botschaft auf die Erde. Islam kommt übrigens von Salam und das heißt Frieden.

Gibt es Reaktionen aus der nicht-muslimischen Bevölkerung, eventuell sogar neue Vorbehalte? 

Claus: Auf jeden Fall. Leute verfolgen das nur über die Medien. Viele Menschen trennen nicht zwischen Radikalen, die den Islam nur vorschieben, und denen, die einfach friedlich ihre Religion ausüben.

Ayman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime, hat in der vergangenen Woche in einem Interview gesagt, die Leistungen der Moscheegemeinden würden nicht ausreichend gewürdigt. Wie schätzen Sie das ein? 

Claus: Das sehe ich auch so. Man kann den Behörden keinen Vorwurf machen, dass sie die Moscheen und die islamischen Gemeinden kontrollieren. Dabei ist Politik dort so gut wie nie Thema. Vielmehr wird vordergründig die Integration angeschoben. Jungen Menschen wird gesagt: Lernt die Sprache, beteiligt euch, steht auf eigenen Füßen. Natürlich sollen sie sich auch mit ihrem Glauben, ihrer Religion beschäftigen.

Von Lasse Deppe

Zur Person

Hend Claus (46) ist Mitglied im Ausländerbeirat der Kreisstadt Eschwege. Claus arbeitet als Kulturdolmetscherin für das Bundesamt für Integration. Die Eltern der Muslimin stammen aus Eritrea und dem Sudan. Seit 25 Jahren lebt sie in Deutschland. In Eschwege betreibt sie mit ihrem Mann ein Geschäft für Bürobedarf. Sie hat fünf Kinder.

Rubriklistenbild: © dpa

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