Knigges Benimmregeln muten teilweise seltsam an

Offenen Hosenstall ignorieren

Eschwege. Laut Knigge erlaubt oder verboten, das hört man immer wieder bei Fragen zur Etikette. Dabei wird heute je nach Anlass und konkreter Situation vieles locker gesehen, was der 1796 verstorbene Freiherr in seinem Buch „Über den Umgang mit Menschen“ als Benimmregeln empfohlen hat.

Zu diesem Ergebnis ist Markus Scharf gekommen, der am Donnerstag im Zentrum der Wirtschaft über „Umgangsformen im 21. Jahrhundert“ gesprochen hat.

Positive Kommunikation und richtiges Verhalten öffnen demnach Türen in Beruf und Geschäft. Außen vor bleibt auf jeden Fall, wer nach 18 Uhr braune Klamotten trägt. Die gesellschaftliche Todesstrafe hingegen steht auf weiße Socken auch schon vor dieser Uhrzeit. Ob Sommer- oder Winterzeit, dazu hat sich der Experte nicht geäußert, wohl aber dahingehend, dass den Mann nur zwei Schmuckstücke zieren dürfen, weshalb mit Uhr und Ehering schon Schicht im Schacht der Eitelkeit ist. In Sachen Knigge wird Männern von Haus aus Ahnungslosigkeit unterstellt, hier sollten Frauen ein Augen werfen auf offene Hosenställe ihrer besseren Hälften sowie Nasen- und Ohrenhaare.

Im Restaurant kostet den Wein, wer ihn bestellt hat, das Besteck über Kreuz signalisiert, der Vielfraß ist noch nicht fertig, Messer und Gabel parallel auf dem Teller heißt „ich bin fertig, nimm das Geschirr endlich weg“. Ob das Besteck dabei in Richtung halb fünf oder halb sieben liegt, das ändert sich in den kleinen und großen Kniggebüchern von Auflage zu Auflage. Nur Rippchen isst man mit den Fingern, der halbe Gockel darf mit Besteck gegessen werden, auch wenn das wie eine posthume Tierquälerei aussieht. Frauen stehen bei der Begrüßung auf wie die Männer und wenn eine Dame zum Umtrunk einlädt, dann betritt sie auch als Erste die Kneipe. Visitenkarten steckt man(n) nicht kommentarlos in die Hosentasche und Frauen auf gar keinen Fall in ihre bodenlosen Handtaschen, das könnte als Beleidigung angesehen werden.

Volle Zustimmung erhielt die Regel, wonach eine SMS in Anwesenheit anderer Personen weder gelesen noch beantwortet wird. Freiherr von Knigge ist übrigens nur 44 Jahre alt geworden. Wahrscheinlich, weil er ein ungeselliger Zeitgenosse war, der das Zuprosten für unfein hielt.

Von Helmut Mayer

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