Im Werra-Meißner-Kreis hat die Partei ihre ersten Stammtische gegründet - und auch ein Profil entwickelt

Piraten entdecken die Provinz

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Piraten vor dem Eschweger Rathaus: Gudrun Kleinert, Friedhelm Willemsen, Doris Ogbonnaya und Michael Balke (v.l.n.r.). Laut Piratenhomepage gibt es im Kreis 20 Mitglieder. Für die Gründung eines Kreisverbandes würde das theoretisch reichen.

Die Piraten-Partei entdeckt die Provinz. Im Werra-Meißner-Kreis hat die Partei ihre ersten Stammtische gegründet - und auch ein Profil entwickelt.

Eschwege. Dass Michael Balke aus Weißenborn ein Pirat ist, wusste er lange Zeit selber nicht. Doch dann kam die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus im September 2011 - und plötzlich war die Partei bundesweit ein Thema.

Auch Balke fing an, sich für die Politneulinge zu interessieren. „Ich habe mir im Internet das Programm durchgelesen“, sagt er. Dabei stellte er fest, dass er die zentralen Anliegen der Partei unterstützt: Transparenz und Teilhabe.

Die Piraten sind keine homogene Partei - auch nicht im Werra-Meißner-Kreis. Balke war zehn Jahre Mitglied der CDU, Gudrun Kleinert, 65, aus Sontra kam über den Internet-Kurznachrichtendienst „Twitter“ zur Partei. Und Friedhelm Willemsen ist mit 72 Jahren der älteste Pirat in der Region. Seit 2008 ist er Parteimitglied. Als in Sontra vor knapp zwei Jahren Coli-Bakterien im Trinkwasser entdeckt wurden, fühlte sich Willemsen nicht genügend informiert. Die Stadt hätte ihre Bürger auch über das Internet warnen müssen, sagt er. Dass Städte und Gemeinden Verträge mit Firmen schließen, ohne die Öffentlichkeit über die Details zu informieren, regt die Piraten im Kreis auf. Sie fordern, dass die Kommunen alles öffentlich machen - von der Satzung über Ausschussprotokolle bis zu Verträgen.

Der Politikwissenschaftler Alexander Hensel von der Universität Göttingen forscht zum Thema Piraten. Er glaubt, dass die Partei auch auf lokaler Ebene Erfolg haben könne. „Sie haben ihr Programm weiter entwickelt und mit ihren Grundprinzipien Transparenz und Teilhabe sind sie anknüpfungsfähig für Politik vor Ort“, sagt er. Bundesweit habe die Partei schon 200 Mandate auf kommunaler Ebene gewonnen, dadurch müsse sie sich mit Themen beschäftigen, die abseits des Internets liegen. Im Ergebnis öffne sich die Partei so der Gesellschaft, sagt der Politologe.

Anschluss an die Bevölkerung suchen die Piraten auch im Werra-Meißner-Kreis. „In jeder Gemeinde soll es einen Piraten geben, der sich darum kümmert, dass die Verwaltung möglichst alles öffentlich macht“, sagt Doris Ogbonnaya.

Die Parteimitglieder eint die Überzeugug, dass zu viele Entscheidungen über die Köpfe der Bürger hinweg getroffen werden - sei es nun auf Bundesebene die Euro-Krisenpolitik oder dass die Kommunen vor Ort ihre Geschäftsordnungen nicht an die Hessische Gemeindeordnung (HGO) anpassen. In Sontra und Eschwege treffen sich die Parteimitglieder regelmäßig zu sogenannten Stammtischen. Laut Piratenhomepage gibt es 20 Piraten im Kreis. Das würde für die Gründung eines Kreisverbands reichen. Doch der ist eigentlich nicht nötig - denn zu Piraten-Parteitagen kann jedes Mitglied kommen. Die Piraten wollen anders sein als die etablierten Parteien. Noch.

Von Fabian Hartmann

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