Verfolgt, bedroht, gefoltert

Der Redakteur Marew Abebe Salemot aus Äthiopien lebt seit Dezember in Eschwege

Besuch in der Anne-Frank-Schule: Dr. Michael Berger von der Stadtkirchengemeinde Eschwege (links) und Rotraut Sänger (Mitte) mit den Flüchtlingen Abduleselam (von links), Abelele und Marew Abebe Salemot. Foto: privat

Eschwege. Auf der von der Organisation Reporter ohne Grenzen herausgegebenen Rangliste der Pressefreiheit rangiert Äthiopien auf Platz 142 von 180. Was das für die Arbeit eines Redakteurs bedeutet, berichtet Marew Abebe Salemot, der seit Dezember vergangenen Jahres als Flüchtling in Eschwege lebt.

In Äthiopien können Journalisten nicht wie hier in Deutschland arbeiten. Es gibt keine Pressefreiheit; neue gegründete Zeitungen wurden geschlossen, Dutzende Journalisten wurden willkürlich verhaftet oder waren gezwungen, aus ihrem Heimatland zu fliehen.

Zurzeit verschlechtert sich die Situation zunehmend, da in diesem Jahr die Nationalwahlen anstehen. Die Regierung versucht, Blogger, Journalisten, sogar Benutzer sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter unter Druck zu setzen, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Äthiopien mit einer Bevölkerungszahl von ungefähr 90 Millionen Menschen hat nur einen staatlich kontrollierten TV-Sender der für staatliche Propaganda genutzt wird, und die staatlichen Machthaber filtern den gesamten Informationsfluss.

Gruppen von Journalisten und Herausgebern, die ihr Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit wahrzunehmen versuchen, wurden gezwungen, ihr Leben im Exil oder im Gefängnis zu verbringen. Das CPJ (Committee to protect Journalists, zu deutsch: Komitee zum Schutz von Journalisten) und die Vereinigung „Journalisten ohne Grenzen“ berichteten für das Jahr 2014, dass Äthiopien einer der fünf Staaten ist, die am häufigsten Journalisten inhaftieren und der Idee der Pressefreiheit feindlich gegenüberstehen. Allein 2014 mussten 30 Journalisten Äthiopien verlassen, als Massenverhaftungen begannen, eine übliche Vorgehensweise vor Wahlen. Nach Aussagen des US-Außenministeriums wurden in diesem Zeitraum 19 Journalisten hinter Gittern gebracht.

Die Organisation „Human Rights Watch“ stellt fest, dass die richterliche Unabhängigkeit gerade bei Prozessen gegen Journalisten nicht gewährleistet ist und deshalb 60 Journalisten seit 2010 das Land verlassen mussten. So ist es der Regierung immer mehr gelungen, die Medien zu kontrollieren und die freie Meinungsäußerung zu unterdrücken.

In diesem Land, unter den oben berichteten Bedingungen, habe ich, Marew Abebe, als Journalist gearbeitet. Während meiner Tätigkeit habe ich Missstände (Menschrechtsverletzungen, Pressezensur, Korruption und andere Skandale) angeprangert. Allerdings stärken solche Bemühungen die Angst bei diktatorischen Regierungen, dass eine informierte Bevölkerung protestieren könnte.

Die Regierung wollte mich während meiner Arbeit im Mediensektor zum Schweigen bringen. Zu Anfang wurde ich gezwungen, entweder Mitglied der Regierungspartei zu werden oder sie zumindest zu unterstützen. Dennoch blieb ich dabei, meine journalistische Tätigkeit so auszuüben, dass ich Missstände benannte - trotz des Widerstands auf staatlicher Seite. Meine Aktivitäten wurden genau von staatlichen Sicherheitsbehörden überwacht, Telefonate abgehört, ich erhielt Emails mit Drohungen, sofort meine Aktivitäten zu stoppen. Sie warnten mich sehr oft, Einschüchterungsversuche gehörten von nun an zu meinem Leben. Ohne die in demokratischen Ländern üblichen Wege der Anklageerhebung wurde ich mehrmals inhaftiert und gefoltert. Es ist nicht leicht, ein Journalist zu sein in Äthiopien, nein, es ist sogar fast unmöglich.

Sie drohten mir noch mehr Folter an, sollte ich wagen, meine Erlebnisse publik zu machen. Ich liebe mein Land und meinen Beruf, hatte aber schließlich Angst um mein Leben. Schließlich sah ich mich Anfang Dezember 2014 gezwungen, mein Land zu verlassen und nach Deutschland zu flüchten. Dies schien mir die einzige Option zu sein, um mein Leben zu retten.

Aber wo ist der Platz für Journalisten in Äthiopien? Hier ist meine Botschaft an alle betroffenen Institutionen und alle, die sich für Menschenrechte und Meinungsfreiheit einsetzen: Bitte üben Sie Druck auf die äthiopische Regierung aus, die Meinungs- und Pressefreiheit nicht mehr einzuschränken. Ich wollte mit meinem Besuch in der Anne-Frank-Schule den Schülern nicht nur Auskunft über die Situation in Äthiopien geben, sondern ihnen auch begreifbar machen, dass sie in einem freien Land leben und dies ein sehr großes Glück bedeutet. (nh)

Von Marew Abebe Salemot

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