Erwin Bödicker betreibt Eschweger Eisenbahn-Museum mit viel Hingabe: Bahngeschichte auf 45 Quadratmetern

Schotter-Sherriff sorgte für Ordnung

In bester Ordnung. Erwin Bödicker, hier mit einer echten Schaffnermütze, präsentiert den Fahrkartenschrank, in dem die damaligen Tickets aus Pappe aufbewahrt werden. Fotos: Faust

Irgendwann hat der Platz zuhause einfach nicht mehr ausgereicht. Um Streit mit ihren Ehefrauen zu vermeiden, entschlossen sich drei Eisenbahnfreunde, ein eigenes Museum zu eröffnen. Das war 1980. Heute ist Erwin Bödicker als Einziger verblieben. Noch immer schwärmt der 74-Jährige von Dampfloks, Schienenverkehr und der Deutschen Bundesbahn.

Auf 45 Quadratmetern hat der ehemalige Lokführer damals mit zwei Freunden das Eisenbahn-Museum Eschwege eingerichtet. Die zweietagige Fläche ist bis auf den letzten Zentimeter gefüllt mit originalen Utensilien aus Jahrzehnten der Bahngeschichte. Die Höhepunkte stellt Erwin Bödicker auf einem Rundgang vor.

Der Fahrkartenschrank

Rund 160 original bedruckte Fahrkarten finden sich im Fahrkartenschrank des Museums wieder. Ordentlich aufgereiht, kennt Bödicker jedes einzelne Fahrziel ganz genau. Die Stempel beweisen, wie vernetzt die Bahn schon damals innerhalb Deutschlands gewesen ist: Ob Kassel, Koblenz, Wiesbaden oder Würzburg – die Bundesbahn war ein Mobilitätsgarant für Reisende.

Der Fahrkartendrucker

Wie die Tickets damals hergestellt wurden, erfahren Besucher des Museum direkt daneben: Hier steht ein Fahrkartendrucker, der seinen Platz viele Jahre am Eschweger Bahnhof hatte. Die sogenannten Edmondsonschen Fahrkarten kann man sich auch heute noch bedrucken lassen, sagt Bödicker: „Vorrat haben wir hier reichlich.“ Thomas Edmondson war der Erfinder des nach ihm benannten Fahrkartensystems. Er entwarf eine Maschine, die kleine Pappen mit dem Format 30,3 x 57 Millimeter bedruckte und nummerierte.

Der Streckenplan

Plastisch nachgestellt haben die Vereinsmitglieder den kompletten Streckenplan der Bundesplan in der Umgebung. Dargestellt sind unter anderem die Verbindungen von Waldkappel bis Kassel, Walburg bis Großalmerode West, von Eschwege über Bebra nach Eichenberg oder von Eschwege bis Treffurt.

Die Bildergalerie

Eine komplette Wand des Museums nimmt das umfangreiche Bilderarchiv ein. Dort zeugen zahlreiche historische Aufnahmen von den größten Meilensteinen in der regionalen Entwicklung der Bundesbahn. „Wir haben immer und überall geforscht, wer solche Aufnahmen besitzen könnte. Das war nicht immer leicht“, denkt Bödicker zurück. Als Lokführer habe er aber viele hilfreiche Kontakte gehabt.

Das Archiv zeigt den Bau der Oberriedener Brücke oder eine damalige Verbindung durch die Saline des Gradierwerks in Bad Sooden-Allendorf sowie viele weitere Motive, die die Leidenschaft für die Eisenbahn deutlich machen.

Die Anzeigentafel

Heute findet man an jedem Bahngleis mindestens einen Streckenplan, der über Zugverbindungen und Abfahrtszeiten informiert. Mittlerweile gibt es den Plan auch in digitaler Form oder direkt auf dem Smartphone nachzulesen.

Das war nicht immer so: In mühseliger Arbeit musste das Bahnpersonal früher kleine Emailleschilder aneinander aufreihen, bis alle Abfahrtszeiten und Gleisnummern stimmten. Unterschieden wurde in Vormittags- und Nachmittagszeiten – die 24-Stunden-Zählung wurde erst im Mai 1927, zum Beginn des Sommerfahrplans der Deutschen Reichsbahn, eingeführt.

Der Schotter-Sherriff

...ist eigentlich ein ganz normaler Beamter der Bahnpolizei, einer besonderen Einheit der Bundespolizei. Mit einem Augenzwinkern wird die bekleidete Schaufensterpuppe im Museum als Schotter-Sherriff bezeichnet. Erwin Bödicker sagt mit einem Verweis auf die Uniform samt Täschchen: „Der hatte neben seiner Pistole immer sein Büro mit dabei. Als Vorgänger der heutigen Handschellen dienten ihm Knebelketten.“

Welche verborgenen Geheimnisse und Anekdoten aus Jahrzehnten der Bahngeschichte im Eschweger Eisenbahn-Museum noch warten, lässt sich nicht sagen. Fest steht: Die neun Vereinsmitglieder und Vorsitzender Erwin Bödicker freuen sich nicht nur über jeden Besuch, sondern sind gewillt, ihr umfangreiches Fachwissen weiterzugeben.

• Das Museum am Pommertor ist in der Zeit von April bis Oktober an jedem zweiten und vierten Sonntag des Monats von 9.30 bis 11.30 Uhr geöffnet. Führungen durch die Räumlichkeiten können mit Erwin Bödicker unter Tel. 0 56 51/2 13 01 vereinbart werden.

Von Pelle Faust

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