Beate Nippoldt will auf die Probleme älterer geistig behinderter Menschen aufmerksam machen

„Es sind auch Tränen geflossen“

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Wird die Pflegebedürftigkeit zu groß, müssen Behinderte und psychisch Erkrankte, die in Einrichtungen zur Eingliederung leben, in ein Altenheim umziehen.

Eschwege. Was passiert, wenn ein behinderter Mensch, der in einer Einrichtung zur Eingliederung lebt, im Alter pflegebedürftig wird? Für Beate Nippoldt aus Datterode war die Antwort bislang immer klar: Derjenige bleibt in seiner Einrichtung und verbringt dort seinen Lebensabend.

So dachte es Beate Nippoldt auch von ihrer Tante Elisabeth W., die über 20 Jahre in den Werkstätten gewohnt hat. „Immerhin hat sie da ihre gewohnte Umgebung und ist dort in die Gemeinschaft integriert“, sagt sie. Doch im Sommer stürzte Elisabeth W. und brach sich den Oberschenkel, es kamen Probleme mit der Galle hinzu und sie wurde zunehmend pflegebedürftig.

In diesem Fall treffen Leistungen der Eingliederungshilfe, gezahlt vom Landeswohlfahrtsverband auf Pflegegeld der Pflegekasse. Konkret bedeutet dies für Menschen, die in einer Einrichtung zur Eingliederungshilfe wie den Werraland-Werkstätten leben, dass sie bei stark gestiegenem Pflegebedarf in ein Alten- und Pflegeheim umziehen müssen. „Wenn der Pflegebedarf von der Einrichtung der Eingliederungshilfe nicht mehr abgedeckt werden kann, dann setzen wir uns mit der Pflegekasse zusammen und beraten über eine Unterbringung in einer geeigneteren Einrichtung“, sagt Elke Bockhorst, Pressesprecherin beim Landeswohlfahrtsverband Hessen. Allerdings würden dabei immer die Wünsche des Betroffenen berücksichtigt. Dazu gebe es sogenannte Hilfeplan-Konferenzen, bei denen für jeden Einzelfall eine individuelle Lösung gesucht werde. So einen Hilfeplan habe es im Fall von Frau Nippoldts Tante allerdings offenbar nicht gegeben. „Wir wurden auch erst mit der Kündigung seitens der Werkstätten auf den Fall aufmerksam“, sagt Elke Bockhorst.

Beate Nippoldt ist nicht zufrieden mit der für sie plötzlichen Kündigung des Heimvertrages und der Umsiedelung ihrer Tante in ein Pflegeheim nach Bad Sooden-Allendorf. Sie hat sich in einem Schreiben an das Regierungspräsidium, Landrat Stefan Reuß und den Landeswohlfahrtsverband gewandt, um auf die Problematik älterer, geistig behinderter Menschen aufmerksam zu machen. Auch Margret Munk aus Datterode ist durch den Fall aufgeschreckt. Ihre 76-jährige Schwägerin lebt ebenfalls in den Werkstätten und es zeichnet sich ab, dass bei der Nierenkranken eine Pflegebedürftigkeit auftreten könnte. „Wir dachten bislang auch immer, dass sie in den Werkstätten bleiben kann“, sagt Margret Munk. Sie mache sich nun Gedanken darüber, was mit ihrer Schwägerin werden wird, wenn die nicht mehr in den Werkstätten bleiben kann.

Andrea Röth-Heinemann vom Vorstand der Werraland-Werkstätten räumt ein, dass man mit den alteingesessenen Bewohnern und deren Betreuern früher über die Möglichkeiten im Fall einer Pflegebedürftigkeit hätte sprechen müssen. Allerdings sei es das Ziel, dass die Bewohner ihren Lebensabend in den Werkstätten verbringen können, denn nicht jeder werde so pflegebedürftig, dass er in ein Altenheim umziehen müsse. Über diese Problematik wolle sie mit dem Landeswohlfahrtsverband ins Gespräch kommen. „So ein Abschied von einem Bewohner fällt nicht leicht, da sind bei den Mitarbeitern auch Tränen geflossen“, sagt Andrea Röth-Heinemann. Einige Mitarbeiter würden Elisabeth W. auch in ihrem neuen Pflegeheim besuchen.

Um die Qualität der Pflege zu gewährleisten, müsse man manchmal einfach über einen Umzug in ein Altenheim nachdenken, sagt auch Jan Roth. Er leitet das Stadthaus Brühl von Aufwind - Verein für seelische Gesundheit in Eschwege. Dort können psychisch Erkrankte leben und alt werden, da das Haus barrierefrei geplant sowie auf Pflegebedürftigkeit ausgerichtet wurde und zudem ein ambulanter Pflegedienst unter demselben Dach angesiedelt ist. Doch auch dort kann Pflege nur bis zu einem bestimmten Grad gewährleistet werden.

Von Diana Rissmann

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