„Umbenennung ist nur eine Lösung“

Historiker Jochen Schweitzer  im Interview zu NS-belasteten Straßennamen

Vergangenheit: Der ehemalige Fritz-Neuenroth-Weg heißt heute Jardin de Saint-Mandé. Foto: Archiv

Eschwege. Straßennamen, die nach Eschweger Persönlichkeiten benannt sind, beschäftigen weiter die Historiker. Am Dienstag hält Jochen Schweitzer auf Einladung der Historischen Gesellschaft des Werralandes sowie des Geschichtsvereins Eschwege und der Volkshochschule einen weiteren Vortrag zu diesem Thema.

Seinen Recherchen zufolge haben weitere Eschweger während des Nationalsozialismus Schuld auf sich geladen, die später geehrt wurden. Es gab aber auch Widerstand.

Herr Schweitzer, die Dr.-Beuermann-Straße und der Fritz-Neuenroth-Weg wurden in den vergangenen Jahren bereits umbenannt. Werden nach Ihren Recherchen weitere Straßennamen aus dem Stadtbild verschwinden? Jochen Schweitzer:  Es geht nicht in erster Linie um die Umbenennung. Geschichte soll nicht verschwinden. Es geht darum, dass ein dunkles Kapitel der Eschweger Vergangenheit aufgearbeitet wird. Beuermann und Neuenroth waren erste Beispiele. Beuermann hatte verhältnismäßig viel Schuld auf sich geladen, Neuenroth vergleichsweise wenig.

Bei welchen Straßennamen sind noch Auffälligkeiten zutage gekommen?

Schweitzer:  Die Dr.-Walter-Thom-Straße ist meiner Ansicht nach belastet. Der ehemalige Eschweger Bürgermeister Thom war vor seiner Zeit in Eschwege u.a. Polizei- und Immobilienreferent in Sachsen und Brandenburg, außerdem ab 1937 Bürgermeister in Torgau (Sachsen). Diese früheren Tätigkeiten sind in Eschwege fast unbekannt. Meinen Recherchen nach hat er damals eindeutige führerorientierte Äußerungen – vergleichbar mit Beuermann – von sich gegeben. Noch nicht erforscht ist seine Rolle als Offizier im Zweiten Weltkrieg.

Welche Namen sind Ihrer Meinung nach noch belastet?

Schweitzer: Gustav Gerlach war führendes SA-Mitglied in Eschwege. Er hat sich mit dem Cäcilienhof jüdisches Eigentum für wenig Geld angeeignet. Kurt Holzapfel war Führer der Hitlerjugend und hat im Dritten Reich die Presse kontrolliert und beeinflusst. Auch der FWS-Lehrer und Maler Ernst Metz, Feuerwehrmann Albert Götting und Dr. Ludwig Hindenlang haben sich meines Erachtens nicht in ihrem gesamten Leben so vorbildhaft verhalten, wie es die Satzung zur Vergabe von Straßennamen der Stadt Eschwege vorsieht.

Wenn Sie keine direkte Umbenennung der Straßen empfehlen, was kann die Stadt Eschwege dann tun?

Schweitzer: Es sollte eine Arbeitsgruppe eingerichtet werden, die diskutiert und berät, wie man das Problem angeht. Lösungen könnten Erklärungen unter den Schildern sein oder ein zweiter Straßenname unter dem ursprünglichen angebracht werden. Die Bürger könnten dann entscheiden. Wichtig ist, dass nicht vorschnell ein Schlussstrich unter die Nazizeit in Eschwege gezogen wird.

Wie ordnen Sie die Aufarbeitungskultur in Eschwege ein?

Schweitzer: Es hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Es läuft ganz gut in Eschwege, aber es ist noch viel Luft nach oben. Andere Städte haben ihre Vergangenheit umfangreicher aufgearbeitet.

Neben den Negativbeispielen: Haben Sie auch neue Erkenntnisse über Widerstand gegen die Nationalsozialisten in Eschwege gefunden? 

Schweitzer:  Ja, es gab weit mehr Widerstand als bislang angenommen. Der Übergang zum Nationalsozialismus war nicht reibungslos. Weit mehr als 100 Personen – aus unteren und mittleren Schichten – haben sich aufgelehnt und widersprochen. Sie wurden in den Monaten nach der Machtergreifung Ende Januar 1933 im Gefängnisturm inhaftiert.

Warum?

Schweitzer: Zur Abschreckung. Sie sollten mundtot gemacht werden. Nach der Haft mussten sie Erklärungen unterschreiben, sich nie wieder gegen die Nazis zu äußern oder gar zu handeln. Ansonsten könnten sie in Konzentrationslager verbracht werden. Auch ihre Familien wurden diffamiert. Darüber forsche und schreibe ich zur Zeit.

• Termin: Jochen Schweitzer referiert am Dienstag, 11. Oktober, in der Aula der Volkshochschule zur Kontroverse um NS-belastete Straßennamen in Eschwege. Nach dem Vortrag wird eine Diskussion angeboten. Beginn: 20 Uhr.

Von Tobias Stück

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