Bunt statt Braun: Anna Maria Zimmer über Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Eschweger Juden

Vergangen, doch nicht vergessen

Repressalien: In den Pferch auf dem Eschweger Marktplatz wurden die Eschweger Bürger eingesperrt, die bei jüdischen Geschäftsleuten gekauft haben. Foto: privat

Eschwege. Der Zweite Weltkrieg mit seinen unvorstellbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird in der Rückschau gerne aus der Distanz betrachtet. Das ist leichter zu verdauen. Doch Anna Maria Zimmer möchte es sich nicht leicht machen. Weder sich selbst noch anderen. Deshalb verfolgte sie mit ihrem Buch „Die Juden in Eschwege“ auch ein Ziel: Klar zu machen, dass die Gräuel dieses Krieges nicht irgendwo stattfanden, sondern auch hier, in Eschwege. In ihrem Vortrag des Aktionsbündnisses gegen Rechtsextremismus im Werra-Meißner-Kreis „Bunt statt Braun“ in der Aula der Volkshochschule in Eschwege legte sie dies vor einem großen Publikum dar.

„Eschwege wurde von Nazis regiert“, sagt sie ungeschönt. Als Hauptverantwortliche macht sie dafür den damaligen Bürgermeister Alexander Beuermann und Kreisleiter Eduard Weiß aus. So präsentierte die Referentin eine Reihe von Beispielen, welche Maßnahmen jüdische Bürger auch in Eschwege zu erleiden hatten. Etwa der Pferch auf dem Marktplatz, in den alle die Bürger eingesperrt werden sollten, die bei Juden gekauft hatten. Oder dass jüdische Kinder nicht am Johannisfest teilnehmen durften. Nicht von ungefähr verkauften ab 1933 viele jüdische Familien ihren Besitz und wanderten ins Ausland aus. 1938 wurde dann auch in Eschwege die Synagoge auf dem Schulberg zerstört. Jüdischer Besitz wurde requiriert. Und 1942 fuhren Deportationszüge auch vom Bahnhof in Eschwege ab. Alle wussten es, doch keiner wollte darüber reden, denn noch 1975, als Anna Maria Zimmer mit ihren Recherchen begann, stieß sie auf eine Mauer des Schweigens. Die Augenzeugen hatten immer noch Angst. „Es gibt hier noch so viele Nazis in der Stadt“, sagten sie ihr.

Plötzlicher Gedächtnisverlust

Dass es hinterher keiner gewesen sein wollte, diese Erfahrung hat auch Helmut Schmidt gemacht, der sich in Herleshausen heute mit dem Schicksal der jüdischen Gemeinde auseinandersetzt. Auch dort war die Synagoge zerstört worden. Doch auf seine Nachfragen unter den Bürgern hin leiden diese plötzlich unter Gedächtnisverlust.

Helmut Schmidt, Thomas Beck, Martin Siebert, Hans Isenberg und Günther Stille ergänzten den Vortrag durch Beispiele aus Herleshausen, Datterode, Reichensachsen und Harmuthsachsen. Denn auch in diesen Orten beschäftigen sich die Historiker bis heute aktiv mit dem Schicksal der ehemaligen jüdischen Bevölkerung ihrer Orte und empfangen deren Nachkommen als Besucher oder setzen Gedenk- und Stolpersteine zur Mahnung und Erinnerung.

Von Kristin Weber

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