Angehörige von Shadi Abuhamad leben in ständiger Todesangst

Die Familie dieses Eschweger Arztes ist im Gazastreifen auf der Flucht

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Mit den Gedanken im Nahen Osten: Dr. Shadi Abuhamad, Oberarzt in der Kardiologie des Eschweger Klinikums, fürchtet um das Leben seiner Eltern und Geschwister. Die sind im Gazastreifen bei Verwandten untergekommen, nachdem ihr Haus zerstört wurde. Foto: Deppe

Eschwege. Was Hass bedeutet, hat Shadi Abuhamad auf die harte Tour gelernt. Durch Schikane. Abuhamad, heute Oberarzt am Eschweger Klinikum, wurde in einem Flüchtlingslager im Gazastreifen geboren. Damals, Ende der 70er-Jahre, war das Gebiet noch von Israel besetzt. Soldaten erniedrigten, so die Erinnerung des 36-Jährigen, die Bevölkerung bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Heute gibt es zwar keine Besatzung mehr, das Gebiet wird aber weiter blockiert. Abuhamad bezeichnet es als „Freiluftgefängnis“, weil Palästinenser nicht ausreisen dürfen. „Man hängt an der Heimat besonders dann, wenn dort Ungerechtigkeit herrscht“, sagt der 36-Jährige mit Blick auf die erneute Eskalation. Und mit dieser Ungerechtigkeit sei er aufgewachsen. Während ihm aufgrund des Wassermangels nur einmal pro Woche das Duschen erlaubt war, bauten sich die jüdisch-israelischen Nachbarn einen Swimmingpool neben das Haus.

Seit knapp drei Wochen hat der junge Mediziner nicht mehr richtig geschlafen. Er fürchtet um das Leben seiner Eltern. Bis vor Kurzem lebten diese gemeinsam mit den Familien von Abuhamads Geschwistern in einem eigenen Haus bei Gaza-Stadt, wo sie Kühe zur Milchproduktion hielten. Jetzt befindet sich die Familie auf der Flucht, das Haus liegt von Raketen getroffen in Trümmern. Die Kühe wurden von Soldaten erschossen. Abuhamads Eltern sind notdürftig bei Verwandten untergekommen.

Shadi Abuhamad kam 1997 nach Deutschland. Nach dem Abitur wollte er in Marburg Medizin studieren. Ehrgeizig verfolgte er sein Ziel, begann 2004 die Ausbildung zum Facharzt, seit August vergangenen Jahres ist er Oberarzt der Kardiologie. „Ich habe so vielen Menschen geholfen, jetzt muss mal jemand meiner Familie helfen“, sagt der Vater dreier Kinder, der mit einer Palästinenserin verheiratet ist.

Weil das Festnetz im Gazastreifen mittlerweile zerstört ist, hält er über das Internet und Handytelefonate Kontakt zu Familie und Freunden. Fast täglich spricht er mit seiner Mutter, immer in Sorge, es könnte das letzte Mal sein. Sprechen sie am Telefon, hört Abuhamad Schussgeräusche im Hintergrund. Die Einschläge sind so nah, dass seine Mutter ihm gesagt hat, dass die Familie in diesen Tagen nur noch auf den Tod warte. „Ihre Hoffnung ist, dass sie mit der Familie stirbt und nicht als Einzige überlebt“, sagt Abuhamad.

Um den Beschuss des Gazastreifens durch die israelische Armee zu beenden, fordert Abuhamad stärkere Sanktionen Europas gegen Israel. „Es ist ein brutaler Aggressionskrieg, Verteidigung sieht anders aus.“ Für den Palästinenser ist jede Unterstützung Israels in diesem Krieg eine Schande. „Man kann doch nicht sagen, dass ein Krieg gegen die Hamas geführt wird, wenn ganze Straßenzüge und Viertel zerstört werden.“ Einen Waffenstillstand hält er, genau wie viele andere Menschen im Gazastreifen, nicht für ausreichend. „Sonst geht in zwei, drei Jahren wieder alles von vorne los.“ Er wünscht sich, dass seine Eltern ihn und seine kleine Familie wenigstens einmal in Eschwege besuchen können.

Von Lasse Deppe

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