Staatsminister Michael Roth im Interview

Zwischen Datterode und New York: Wie viel Stress hat ein Staatsminister?

Im Dialog: WR-Redakteur Lasse Deppe im Gespräch mit Staatsminister Michael Roth in dessen Büro im Auswärtigen Amt in Berlin. Foto: Teglas/nh

Im Auswärtigen Amt in Berlin steht eine kleine Uhr, die eine Stunde nachgeht. Gemeinsam mit einer stattlichen Luther-Statue des Künstlers Ottmar Hörl strahlt dieses Relikt der Entschleunigung eine ungemeine Ruhe aus. Den Gegenpol bilden in dieser Situation Staatsminister Michael Roth und seine Mitarbeiter.

Für den 44-Jährigen gilt es, die nächsten Tage zu planen. Kurzfristig ist eine Kiew-Reise in den Terminkalender gerutscht, eine Diskussionsveranstaltung in Frankfurt muss weichen. Ersatz muss her. Nur wenig später, gerade sind Flüge und Hotel umgebucht, kommt die Nachricht, dass Kiew wieder abgesagt hat. Zeit, mal nachzufragen.

Herr Roth, sind Sie gestresst? 

Michael Roth: Zeitdruck und eine hohe Termindichte gehören bei meiner Aufgabe nun mal dazu. Dieser genaue Zeitplan gibt mir aber auch eine Ordnung, die ich brauche. Ich kann mich zum Glück gut in kurzen Zeiträumen entspannen.

Sie veröffentlichen bei Facebook und Twitter regelmäßig Ihre Termine für die kommende Woche. Wie oft können Sie diesen Plan einhalten? 

Roth: Nie. Dafür gibt es leider zu häufig unvorhersehbare Entwicklungen, die meine Präsenz erfordern. Zum Glück habe ich in meinem Team eine Mitarbeiterin, die sich ausschließlich um das Reisemanagement kümmert.

Zeit, um die Länder zu erkunden, hat Roth während seiner Dienstreisen nicht. Selten bleibt er länger als eine Nacht im Ausland. Allein in den vergangenen beiden Wochen war er in Brüssel, Venedig, New York und Armenien. Dazwischen Termine im politischen Alltag Berlins. Dienstags, 15 Uhr, Fraktionssitzung ist so einer. Oder das wöchentliche Treffen des Bundeskabinetts mit Kanzlerin Merkel. Da kann man mal den Überblick verlieren.

Wissen Sie spontan, wie viele Länder Sie in diesem Jahr schon bereist haben? 

Roth: Nein, aber auf jeden Fall noch immer nicht genug. Eigentlich wollte ich innerhalb eines Jahres alle EU-Länder besuchen. Das hat nicht geklappt. Ich war jetzt achtmal in Griechenland, aber noch nie in Slowenien. Das hole ich aber bald nach.

Woran liegt das? 

Roth: Es gibt eben Krisen und Probleme, die meine Termine steuern. Manchmal muss ich auch spontan für Steinmeier einspringen, wie kürzlich bei der Konferenz der Vereinten Nationen zur Nichtverbreitung von Atomwaffen in New York.

Hatten Sie mal das Gefühl, auf einen Termin nicht ausreichend vorbereitet zu sein? 

Roth: Das kommt schon mal vor. Aber aus den vielen Erfahrungen erwächst ja auch eine gewisse Routine. Leider ist die wiederum der Feind jeder Kreativität. Ich habe jedoch über die Jahre gelernt, mich gerne und schnell in ein Thema einzuarbeiten.

Dass Roth kurze Zeiten nutzt, um den Kopf freizubekommen, merkt man schnell. Beim Betreten des Auswärtigen Amts zwischen zwei Terminen hält er spontan einen Kurzvortrag über die Geschichte des Gebäudes. Vor der Gedenktafel für die im Dienst verstorbenen Mitarbeiter im mit rotem Teppich ausgelegten Flur vor seinem Büro hält er auf jedem Weg kurz inne, als besinne er sich im Vorbeigehen wieder kurz aufs Wesentliche.

Wo finden Sie denn einen Ausgleich zu diesem Mammutprogramm? 

Roth: Teilweise bei der Arbeit selbst. Eine innere Ruhe entwickle ich zum Beispiel während des Feinschliffs an meinen Reden, da komme ich runter. Das mache ich generell gerne. Ich lege viel Wert auf gute Reden, die auch nicht immer den klassischen Vorgaben folgen müssen. Ein Termin wie die Eröffnung des deutschen Pavillons bei der Biennale erfordert schon Kreativität.

Und wann schalten Sie mal länger ab? 

Roth: Klassische Wochenenden gibt es nicht. Ich versuche aber, die Sonntage frei zu halten, wobei es da wirklich viel zu viele Ausnahmen gibt. Man möchte ja auch mal andere Dinge tun, wie Freunde treffen oder ins Kino gehen. Das ist etwas, was manche Politiker nicht sagen, weil sie Angst haben, als faul zu gelten. Das halte ich aber für Quatsch.

Was man Roth ebenfalls nicht vorwerfen kann, ist zu wenig Präsenz in seinem Wahlkreis. Ob Einladungen zum Kaffeeklatsch, der Besuch von Flüchtlingsunterkünften oder Kircheneinweihungen – der gebürtige Heringer will wissen, was in der Heimat bewegt. Auch der ewig rastlose Staatsminister kennt ein Zuhause. Mit seinem Partner Michael Klöppner und Hund Sam lebt er in Bad Hersfeld.

Neben den Aufgaben als Staatsminister und als Beauftragter für die deutsch-französische Zusammenarbeit bezeichnen Sie die Arbeit in Ihrem Wahlkreis Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg als den „wichtigsten Hut, den ich zu tragen habe“. Wie kann das funktionieren? 

Roth: Weil das mein Zuhause ist. Dort kenne ich die Strukturen und Menschen. Ich höre ganz selten, dass jemand sagt: „Dich haben wir aber lange nicht hier gesehen.“ Eher heißt es: „Wahnsinn, dass du das noch nebenher alles schaffst!“ Das macht mich zufrieden.

Und wie schafft man das? 

Roth: Ich versuche eben, das bestmöglich zu machen und meine Zeit optimal einzuteilen. Die sozialen Medien etwa sind eine große Hilfe, um in Kontakt zu bleiben. Die bediene ich auch komplett selbst, egal ob Facebook oder Twitter. Das ist eine gute Chance, den Bürgerinnen und Bürgern zu zeigen, was ich so mache. Vor Ort gehe ich dann gezielt auf Vereine und Institutionen zu, von deren Geschichten oder Problemen ich zum Beispiel in der Zeitung gelesen habe.

Haben Sie manchmal das Bedürfnis, sich in die lokale Politik einzumischen? 

Roth: Oh ja, ganz oft. Da muss ich mir dann immer auf die Zunge beißen und mich fragen: „Michael, kennst du da auch genug Hintergründe, um mitreden zu können?“

Schafft er es mal nicht in den Wahlkreis, wählt Roth den umgekehrten Weg und lädt zu Besuchen nach Berlin ein. Der Apfelwein-Anstich der Hessischen Landesvertretung ist so eine Gelegenheit, zumindest für Parteimitglieder. Roth, der diesen Empfang selbst initiiert hat, genießt dann aber nur in Maßen. Den Apfelwein sowieso („schmeckt nicht!“), den Small-Talk nicht viel mehr. Trotzdem antwortet er am nächsten Tag einem jungen Mann, der sich nicht traute, ein Gespräch zu suchen, bei Twitter: „Nächstes Mal einfach ansprechen!“ Dazu passt, dass Roth regelmäßig Schulklassen aus seinem Wahlkreis in Berlin zu Gast hat.

Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zu dieser Generation? 

Roth:  Das ist schon sehr wichtig. Junge Menschen werden heute nicht mehr automatisch mit Politik konfrontiert. Man muss ja kein gramgebeugter Technokrat sein, um sich zu engagieren, jeder kann sich einsetzen. Wir brauchen mehr politisches Engagement von Jugendlichen. Lieber machen als meckern!

Ist das auch ein Grund für Ihre hohe Aktivität in den sozialen Netzwerken? 

Roth: Die modernen Medien sind für mich ein Seismograf. Ich beobachte genau, wie viele Leute meine Posts lesen. Ein Bild mit jungen Flüchtlingen neulich wurde über 13 000-mal angeklickt, weit mehr als normalerweise. Das zeigt, welche Themen die Nutzer beschäftigen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass das Internet nur eine Ergänzung und nicht die einzige Wirklichkeit ist.

Die Wirklichkeit in dieser Woche wartet für Roth mit einer Premiere auf, auf die er wohl hätte verzichten können. Ein geplanter Flug nach Island fällt kurzfristig aus. Wieder einmal heißt es umzuplanen. Einen spontanen freien Tag gönnt sich der Staatsminister nicht.

Von Lasse Deppe

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