Ärzte finden Wartezimmer zu voll: Reform der Praxisgebühr?

Zehn Euro pro Quartal: Seit 2004 zahlen gesetzlich Versicherte in Deutschland Praxisgebühr. Hessens Kassenärzte fordern eine Neuausrichtung. Foto: dpa

Kassel. Hessens Kassenärzte wollen die Praxisgebühr auf den Prüfstand stellen. Nachdem der CDU-Gesundheitspolitiker Jens Spahn laut über eine Reform noch in dieser Legislaturperiode nachgedacht habe, hängt sich die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen an diesen Vorstoß.

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Die 2004 eingeführte Praxisgebühr, so KV-Vorsitzender Frank-Rüdiger Zimmeck und sein Vize Gerd W. Zimmermann, habe ihren Zweck verfehlt. Man müsse sie so umbauen, „dass weniger notwendige Arztbesuche stärker vermieden werden können“.

Zehn Euro im Quartal zahlen gesetzlich Versicherte als „Eintritt“ beim Arzt. Der hat die Verwaltungsarbeit, verbucht das Geld aber nicht für sich, sondern kassiert auf Rechnung der Kassen. Das nervt Mediziner. Hessens Kassenärzte haben nun die Praxisgebühr dennoch als Hebel entdeckt, ihre Wartezimmer etwas leerer zu bekommen.

Frank-R. Zimmeck

Was genau ihnen vorschwebt, sagen sie noch nicht. Man darf aber vermuten, dass jedwede Reform für Patienten nicht billiger wird. Höhere Praxisgebühr? Versicherte bei jedem Arztbesuch zuzahlen lassen? Das wird unter Experten kontrovers diskutiert. Höhere Praxisgebühr, warnen Kritiker, trifft vor allem Arme, Zuzahlung bei jedem Arztbesuch chronisch Kranke.

„Mit durchschnittlich 18 Arztbesuchen im Jahr liegen die Deutschen an der Spitze. Sie gehen doppelt so oft zum Arzt wie Bürger in vergleichbaren Industrieländern“, sagte KV-Pressesprecher Karl Matthias Roth auf Anfrage unserer Zeitung. Statistiken, wonach die Deutschen auch deutlich kränker seien als ihre Nachbarn, gebe es keine.

Für das, was sie bekommen, finden die Kassenärzte ihre Wartezimmer zu voll. Zwar kamen Patienten direkt nach Einführung der Praxisgebühr im Januar 2004 kurzfristig seltener: Acht Prozent weniger Fallzahlen meldete die KV Hessen damals fürs erste Vierteljahr, verglichen mit dem Vorquartal.

„Wie Flatrates“

Doch das sei längst vorbei. „Viele Ärzte behandeln nach wie vor mehr Patienten als sie bezahlt bekommen“, klagt die KV. Die „Pauschalen in der Vergütung“ wirkten wie Flatrates: „Egal, wie oft Patienten im Quartal zum Arzt gehen, das Honorar bleibt gleich.“ Folgende Rechnung machen Hessens Kassenärzte auf: Wenn weniger Patienten unnötig kommen und das Budget belasten, haben die Mediziner mehr Zeit, „sich intensiver um die wirklich Kranken zu kümmern“. Aus Langeweile zum Arzt, mit jedem Wehwehchen ins Wartezimmer?

Mit solchen Thesen macht man sich kaum Freunde. KV-Sprecher Roth will da auch nichts unzulässig verallgemeinern. Es gebe aber Fachleute, die Arztpraxen und Wartezimmern eine soziale Funktion zumessen: „Manche finden es schön, da zu sitzen und Anschluss zu finden - so wie früher unter der Dorflinde.“

Von Wolfgang Riek

Quelle: HNA

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