Al-Wazir: "Wir sind für Größenwahn unanfällig"

Kassel. Der Höhenflug der hessischen Grünen fünf Monate vor der Kommunalwahl bringt Probleme: Weil bald fast jedes viertes Mitglied Mandatsträger sein könnte, bietet die Partei Foren an, in denen die unerfahrenen Politiker „auf Linie“ gebracht werden. Wier sprachen mit Parteichef Tarek-Al-Wazir.

Wie wollen die Grünen bei der Kommunalwahl in Nordhessen punkten?

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Tarek Al-Wazir: Über Themen und Programme entscheiden natürlich die Grünen vor Ort. Es gibt aber Themen, die für uns in jeder Kommune wichtig sind, wie die Energiewende, Bildung und soziale Teilhabe. Die Energiewende ist für uns Teil des Klima- und Ressourcenschutzes, aber auch eine wirtschaftspolitische Frage. Dafür ist der Regierungsbezirk Kassel ein gutes Beispiel: Die Arbeitslosenquote ist hier erstmals seit Menschengedenken geringer als im Rhein-Main-Gebiet! Das ist vor allem konkretes Resultat der 12.000 zusätzlichen Arbeitsplätze rund um die Erneuerbaren Energien in Nordhessen. Und es beweist, wie absurd die Debatten um den angeblich unverzichtbaren Ausbau des Flughafens Calden oder die Autobahnprojekte sind.

Welche Vorschläge von Tübingens OB Boris Palmer lassen sich für Hessen anwenden?

Al-Wazir: Umsetzbar sind in den hessischen Kommunen fast alle seiner Vorschläge, es sei denn, die Kommune hat keine Stadtwerke mehr. Boris Palmer zeigt, dass die Kommunen viele eigene Handlungsmöglichkeiten haben, das fängt bei der Frage nach der Heizung in Bürgerhäusern an und reicht bis zu den Straßenlampen. Damit lässt sich langfristig auch Geld sparen. Und auch darum geht es uns. Sie wollen die Mandate der Grünen um ein Drittel erhöhen und dazu „weiße Flächen“ auf dem Land grün machen.

Wie soll das gelingen?

Al-Wazir: Es gibt immer noch grüne Kreisverbände, die weniger als die Hälfte der Mitglieder haben, die nötig wären, um wenigstens in den größeren Orten die Listen zu füllen. Wir werben um neue Mitglieder, wollen uns aber auch öffnen und auch Menschen ohne Parteizugehörigkeit einen Platz auf der Wahlliste anbieten. Wir müssen ja wegen des Kommunalwahlrechts mindestens ein Drittel der Gesamtgröße des Parlaments als Kandidaten aufstellen, wenn wir keine Stimmen verlieren wollen – das geht dann nur über diesen Weg. Die Grünen befinden sich derzeit im Höhenrausch.

Wie wollen Sie und Ihre Mitglieder auf dem Teppich bleiben?

Al-Wazir: Die Grünen sind eine für Größenwahn recht unanfällige Partei. Wir finden eher selbst noch das Haar in unserer eigenen Suppe. Auch wenn die Umfrageergebnisse so bleiben, gilt, dass wir selbstbewusst, aber nicht übermütig in den Wahlkampf gehen. Ein Teil unseres Erfolges in den Umfragen beruht ja darauf, dass viele Menschen uns zutrauen, dass wir für unsere Inhalte eintreten und es bei uns um die Sache und nicht um uns selbst geht.

Von Heidi Senska

Quelle: HNA

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