Raus aus den Schützengräben

Analyse: Warum Grüne und CDU in Hessen nicht mehr so fern voneinander sind

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Annäherung: Der Vorsitzende der hessischen Grünen, Tarek Al-Wazir (42/links) und Ministerpräsident Volker Bouffier (61) vor wenigen Tagen bei Pressestatements zu den Sondierungsgesprächen.

Wiesbaden. Schwarze und Grüne, da prallen zwei Welten aufeinander, könnte man meinen. 30 Jahre lang haben sie sich im rauen hessischen Landtag bekriegt, seit 14 Jahren gilt dies namentlich auch für Volker Bouffier (CDU), lange beinharter Innenminister und seit 2010 Regierungschef, sowie für Tarek Al-Wazir, der seit 2000 die grüne Fraktion führt.

Die Zeiten haben sich trotzdem geändert. Bouffier hat sein Hardliner-Image beim Umzug in die Staatskanzlei abgelegt, gibt den Versöhnlichen, für den erst das Land und dann die Partei kommt. Die CDU mag damit gehadert haben, weil der einst von Alfred Dregger geformte Kampfverband mangels Regierungsmacht in Hessen für Konsenspolitik wenig übrig hatte. Doch auch in der Union sind Politiker nachgewachsen, für die Dregger Geschichte ist: Junge Männer und Frauen, für die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein tägliches Problem darstellt, das sich mit ideologischem Beharren auf dem traditionellen Familienbild nicht lösen lässt.

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Der gesellschaftliche Wandel ist auch an der Hessen-Union nicht vorbeigegangen. In ihrem Alltagsleben unterscheiden sich jüngere Christdemokraten kaum von den Grünen, die zum großen Teil in den bürgerlichen Schichten angekommen sind.

Das hilft Bouffier, Differenzen zu überbrücken und zugleich die eigene Macht zu sichern: Mit der Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 für Gymnasien hat er sich grünen Positionen genähert. Antrieb freilich waren die Proteste aufgebrachter Eltern, die für die CDU gefährlich wurden. Ähnlich sieht es in der Flüchtlingspolitik aus, hier muss die Union mit Rücksicht auf eigene Klientel in den Kirchen ihre Politik ändern.

Tarek Al-Wazir wiederum, zu den wilden Zeiten der Grünen noch Schulkind, ist ein Geschöpf des etablierten Parteiensystems. Und mit ihm die Mehrheit der Grünen in Hessen. Die Rolle der Protestpartei im linken Spektrum, zu dem die Grünen gleichwohl zählen, hat längst die Linke übernommen.

Obwohl erst 42, hat sich für ihn nach 14 Jahren in der Opposition die Machtfrage dringlich gestellt. Seinem politischen Talent ist es zu verdanken, dass er bei Hessens Grünen die unumstrittene Nummer 1 ist. Intern gibt es kaum Zweifel, dass die Partei ihm folgen wird, wenn es zu einem Koalitionsvertrag kommt. Dafür hat er offensichtlich hinter den Kulissen mehr getan als die SPD, die die Angst vor der eigenen Courage hemmte.

Ob Al-Wazir dafür, wie man in der SPD bereits meint, seine grüne Seele verkauft, ist längst nicht ausgemacht. Es gehört zu den Spielregeln, dass jedes Entgegenkommen in Verhandlungen seinen Preis hat. Al-Wazir kann nur elf Prozent der Wählerstimmen in die Waagschale werfen. Geschickt genutzt, kann er aber vielleicht den Modernisierungsprozess der Union auf seine Fahnen schreiben.

Von Petra Wettlaufer-Pohl

Quelle: HNA

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