Drittklässler-Lernstandserhebung: Ministerium reagiert auf Kritik

Kassel. Protestbriefe, Resolutionen und Hilferufe von Lehrern und Eltern zeigen Wirkung: Noch so eine Pleite wie die mit der Lernstandserhebung in den dritten Grundschulkassen will Hessens Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) sich ersparen.

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Nächstes Jahr, sagte Henzler am Wochenende im Interview einer Frankfurter Zeitung, würden die Tests „anders strukturiert und stärker dem angepasst, was Kinder in der dritten Klasse vermittelt bekommen“. Soll wohl heißen: Wahrscheinlichkeitsrechnung mit Gummibärchen droht den Achtjährigen 2011 wohl nicht mehr - Hessens Schulrahmenplan sieht sie auch gar nicht vor.

Zu kompliziert, zu viel, schlicht entmutigend: So hatten Grundschulen vor allem die Mathe-Lernstandserhebung benotet. Manche Aufgaben hätten die Drittklässler nicht mal sprachlich verstanden - vom Rechnen ganz zu schweigen. Kinder, die Tests unter Weinkrämpfen abgeben, nimmt kein Lehrer einfach so hin. Da helfen auch Beruhigungsappelle des Kultusministeriums nichts, es gebe doch gar keine Noten, und bei derartigen „Kompetenzdiagnosen“ könnten auch nicht alle alles wissen.

Ministerin Henzler hat Besserung gelobt. Das war’s bislang. Ihr Sprecher Nicolas Wolz auf HNA-Anfrage: Man könne leider „jetzt noch nicht genau sagen, wie die Aufgaben im kommenden Jahr im Einzelnen aussehen“. Klar ist: Die Bärchen-Tester sind auf dem Rückzug, die Experten vom Berliner Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), die die Erhebungen bundesweit zusammenstellen, müssen umdenken. In der Hauptstadt hat die Initiative „Grundschulen im sozialen Brennpunkt“ zeitweise über einen Boykott nachgedacht. Der Lehrerverband Bildung und Erziehung in Baden-Württemberg findet Tests überflüssig, die Kinder „mit unlösbaren Aufgaben frustrieren“. Und Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann hat nach Medienberichten seine Kollegen mit „Kritik an zu vielen Tests und Bürokratie“ beunruhigt.

Wenn’s wirklich besser wird im nächsten Jahr, sollen auch die Schulen profitieren. Henzler-Sprecher Wolz: „Wir wollen die Belastung der Schulen senken, zum Beispiel durch das zentrale Drucken und Versenden der Testhefte, durch kürzere Eingabezeiten in das Onlineportal, etc.“ Auch sollen mehr Probekandidaten als bisher vorher durcharbeiten, was später ihre achtjährigen Altersgenossen auf den Tisch bekommen. Und schließlich: Vielleicht haben ja manche Lehrer und Eltern den Sinn der Übung einfach nicht richtig begriffen. Das Ministerium: „Die Konzeption der Lernstandserhebungen soll den Schulen noch einmal vertieft kommuniziert werden.“ Heißt zu Deutsch: Man will allen alles nochmal und noch besser erklären.

Von Wolfgang Riek

Hintergrund: Stimmen aus Nordhessens Schulen

• Silke Rübenkönig von der Grundschule Ippinghausen: „40 Seiten pro Schüler sind einfach zu viel.“ Manche Kinder hätten sogar geweint.

• Stefan Wassmuth vom Elternbeirat des Landkreises Kassel: „Mein Sohn ist in Mathe Einser-Schüler und hat den Test in der vorgegebenen Zeit nicht bewältigen können.“

• Rektor Robert Braun von der Osterbachschule Homberg: „Anstelle eines Erfolgserlebnisses erleben die Kinder Versagensangst.“

• Schulleiter Frank Eberlein von der Astrid-Lindgren-Schule in Malsfeld: „Die Kinder waren platt.“ Die Mathetests hätten viele schon nach den ersten Aufgaben frustriert: „Im Land rührt sich Widerstand gegen diese maßlose Messerei.“ Manche Schulen drohten sogar mit Boykott.

Hintergrund: Wahrscheinlichkeitsrechnung: Fehlanzeige im Rahmenplan

„Grundbegriffe zur Wahrscheinlichkeit erwachsen aus Unterrichtsaktivitäten. Die Wahrscheinlichkeiten einfacher Ereignisse werden verglichen, beurteilt und bewertet.“ Aus diesen beiden Sätzchen der Bildungsstandards für Hessens Grundschulen könnte man ableiten, dass Aufgaben zu Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit Drittklässler nicht unvorbereitet erwischen. Nur: Die Bildungsstandards sind bislang nur ein Entwurf. Seit Mai zur Diskussion ins Internet gestellt, sollen diese Kompetenzziele für Grundschulen erst zum Schuljahr 2011/12 in Kraft treten. Noch gelten aber Hessens alte Rahmenpläne von 1995: Dort wird im Matheunterricht zwar noch mit D-Mark und Pfennig gearbeitet - der Begriff Wahrscheinlichkeitsrechnung aber kommt auf 293 Seiten nicht einmal vor. Trotzdem war das Thema ein Schwerpunkt der Lernstandserhebung. Geometrie, Sachrechnen oder Größen, die Stoff des dritten Schuljahres sind, aber fehlten oder tauchten nur am Rand auf. Unmöglich, meint der Dortmunder Matheprofessor und Schulbuchautor Erich Wittmann in einem Brief an alle Kultusminister: Es zeige die Ignoranz der Test-Architekten. (wrk)

Quelle: HNA

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