Polizeipsychologe Schenk im Interview: Gewalterfahrungen können bei Polizisten zu posttraumatischen Störungen führen

„Die betroffenen Beamten können reizbarer sein“

Wiesbaden. Sie sind immer dann zur Stelle, wenn Polizisten im Dienst Opfer von Gewalt werden: Polizei-Psychologen. Wir sprachen mit Carsten Schenk vom Zentralen Polizeipsychologischen Dienst über seine Arbeit.

Was tun Sie, um die Polizisten auf Gewalterfahrungen vorzubereiten?

Carsten Schenk: In Einsatztrainings werden solche Situationen durchgespielt. Es werden nicht bloß Disziplinen wie Schießen oder Selbstverteidigung eingeübt, sondern sie werden eingebettet in komplexe Szenarien. Unter diesen beinahe realen Bedingungen lernen die Beamten, Gewalt im Einsatz zu vermeiden – sowohl eigene Verletzungen wie auch solche auf der anderen Seite.

Welche psychischen Folgen kann ein Polizist nach einem Übergriff davontragen?

Schenk: Es gibt drei mögliche Haupt-Symptome, die als normale Reaktion des Organismus auf eine außergewöhnliche Situation gelten. Das erste ist das Wiedererleben des Ereignisses, zum Beispiel in einem Traum. Zweitens können Menschen, also auch Polizisten, nach solchen Ereignissen zu einem Vermeidungsverhalten neigen. Es ist etwa so wie bei dem Autofahrer, der einen schweren Unfall macht, und deshalb zukünftig einen Umweg um diese Unfallstelle fährt. Im Polizeidienst ist es natürlich problematisch, wenn sich Beamte bestimmten Situationen nicht mehr aussetzen können. Drittens kann das Erregungsniveau gesteigert sein. Die Betroffenen können dann unter anderem reizbarer sein. Klingen die Symptome nach einer gewissen Zeit nicht ab, spricht man von einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Wie wird mit Kollegen umgegangen, die Opfer von Gewalt geworden sind?

Schenk: Wenn es zu Übergriffen kommt, egal ob bei Kirmesschlägereien, bei Einsätzen wegen häuslicher Gewalt oder Fällen schwerster Gewalt, wird der Beamte standardmäßig psychosozial versorgt. Bei der so genannten Akut-Intervention des Zentralen Polizeipsychologischen Dienstes geht es darum, psychische Schädigungen zu minimieren und den betroffenen Kollegen wieder handlungsfähig zu machen. Nach einem Schusswaffengebrauch etwa wird versucht, den Polizisten wieder an dieses kritische Szenario anzunähern. Das heißt, er erlebt die Situation, die möglicherweise eine Belastung für ihn darstellt, unter rekonstruierten Umständen erneut und wird dabei psychologisch betreut.

Von Bastian Ludwig

Quelle: HNA

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