63 Prozent der Deutschen gegen Friedhofszwang

Diskussion über Bestattungsrecht: Urne zum Mitnehmen?

Wohin mit der Asche, wohin mit der Urne? Fast zwei Drittel der Deutschen wollen frei darüber entscheiden und lehnen den in Deutschland geltenden Friedhofszwang ab. Foto: dpa

Kassel / Gießen. Manchem mag das Motto „Urne to go“ (Urne zum Mitnehmen) makaber erscheinen, aber genau damit beschäftigt sich der 7. Hessische Bestattertag in Gießen. Ein Thema, das viele Menschen umtreibt: Darf man beispielsweise die Urne eines Verstorbenen dauerhaft auch zu Hause aufbewahren?

Bestatter, Vertreter von Kirchen und Kommunen, Friedhofsplaner und Verbrauchervertreter werden den deutschen Friedhofszwang aus allen Blickwinkeln diskutieren. Das scheint auch nötig. 63 Prozent der Deutschen lehnen mittlerweile den Friedhofszwang für Urnen als nicht mehr zeitgemäß ab. Das ergab eine repräsentative Umfrage des renommierten Emnid-Institutes im Auftrag der Verbraucherinitiative Aeternitas.

„Auf der einen Seite wird ein Ende des Friedhofszwangs für Urnen prophezeit, auf der anderen die bestehende Bestattungs- und Erinnerungskultur vehement verteidigt“, sagt Alexander Helbach von der Verbraucherinitiative Bestattungskultur.

Zwar sind Baumbestattung und Seebestattung mittlerweile der Beisetzung auf einem Friedhof rechtlich gleichgestellt, aber die Urne im Wohnzimmerschrank oder im Vorgarten ist weiter nicht erlaubt. Dabei äußern „immer mehr Menschen den Wunsch, frei über die Asche ihrer Verstorbenen“ verfügen zu dürfen, sagt Helbach. Und der Aeternitas-Vorsitzende Hermann Weber sieht die Gesetzgeber in der Pflicht, das Bestattungsrecht zu liberalisieren. Das wäre dann Ländersache.

Die hessischen Bestatter haben heute die Möglichkeit, auch der Politik in dieser Sache auf den Zahn zu fühlen. Schirmherr des Bestattertages ist nämlich Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier. Und der hat es gar nicht weit bis zum Tagungsort. Der Landesvater wohnt in Gießen.

Hessens Bestatter jedenfalls könnten sich der Meinung der Verbraucherinitiative Aeternitas anschließen, dass „ein rechtsfreier Raum mit der Urne im Kofferraum“ nicht die Zukunft der Bestattungskultur sein könne. Der Gesetzgeber müsse Ausnahmen vom Friedhofszwang aber nicht verhindern, sondern gestalten. Wo die Urne letztlich landet, solle der letzte Wille eines Verstorbenen entscheiden.

Der Bestatterverband Hessen, der nicht identisch ist mit den Veranstaltern des Bestattertages, sieht das Thema „Urne to go“ so: Zeit und Trend seien zwar reif für eine Veränderung, sagt Vorsitzender Dominik Kracheletz (Kassel). Er aber habe noch niemanden erlebt, der eine Urne dauerhaft in der heimischen Vitrine aufbewahren wolle. Spätestens wenn eine Feier anstehe, Silvesterraketen knallen oder ein neuer Partner einziehe, würde die Urne doch zur Bestattung gegeben.

Von Jürgen Umbach

Quelle: HNA

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