„Ehrensache“ Karzerhaft - Uni-Gefängnis in Marburg noch erhalten

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Marburg. Wenn Studenten über die Strenge schlugen, drohte ihnen Haft im Karzer. In Marburg gibt es ihn noch - und zwar bunt bemalt. Die Insassen kritzelten Sprüche, Geschichten und Zeichnungen auf die Wände, die Einblicke ins frühere Studentenleben erlauben.

Die Häuser biegen sich und die Straße schlägt Wellen, auf der zwei Verbindungsstudenten nach Hause wanken. Diese Szene hat ein Jurastudent im Jahr 1929 an die Wand des Marburger Karzers gemalt. Wie viele andere Hochschüler auch, die in der Zelle wegen verschiedenster Vergehen einsaßen, vertrieb er sich die Zeit mit Zeichnen. Das ehemalige Universitäts-Gefängnis ist das einzige in Hessen, an dessen Wänden die bunten Malereien und Inschriften der Insassen erhalten geblieben sind.

In Marburg gab es im Lauf der Jahrhunderte mindestens fünf Uni-Gefängnisse. Die Hochschulen waren seit dem Mittelalter nicht nur Ort der Lehre - sie durften auch in bestimmten Fällen Recht sprechen. Abgeschafft wurde diese universitäre Gerichtsbarkeit 1879. Im Karzer landeten Studenten für ihre Schulden oder sogar wegen Kapitalverbrechen, wie die Leiterin des Marburger Universitätsarchivs, Katharina Schaal, berichtet.

Die heute noch erhaltene Zelle in Marburg wurde zwar noch 1879 im Dachgeschoss der Alten Universität eingerichtet, aber nach der neuen Rechtslage „nur“ noch zur Bestrafung von Disziplinarvergehen genutzt. Die Insassen hatten sich etwa der nächtlichen Ruhestörung, „unsittlichem Lebenswandel“, „dauerndem Unfleiß“ oder der Teilnahme an Duellen schuldig gemacht. 230 „Incarcerierte“ waren es bis 1931, so steht es in den Karzerbüchern des Archivs.

„Für die um 1900 meist in Verbindungen organisierten Studenten war es Ehrensache, wenigstens eine Nacht im Karzer verbracht zu haben“, sagt der Germanist und Marburger Karzerexperte Norbert Nail. Diese „Ehre“ dokumentierten die Betroffenen mit Malereien und Inschriften, Verbindungswappen und Karikaturen an den Wänden - und verraten auch, weswegen sie im Karzer einsitzen mussten: „Wegen Hausfriedensbruchs verbunden mit Körperverletzung“ heißt es etwa. Hintergrund dafür war ein übertrieben nachdrücklicher Besuch bei einer Angebeteten, wie Nail aus Karzerbüchern rekonstruiert hat.

Auch an der benachbarten Gießener Justus-Liebig-Uni gab es einen Karzer. Er ist ein Anbau an das ehemalige Zeughaus, der vor allem für politische Strafen im Vormärz von Bedeutung war. Das hat Eva-Marie Felschow herausgefunden, die Leiterin des Universitätsarchivs. Der Karzeranbau ist zwar noch erhalten. „Aber er ist nicht mehr als solcher zu erkennen“, erklärt Felschow. Die Räume gehören heute zum Agrarwissenschaftlichen Institut.

In Marburg können Besucher sporadisch einen Blick in die Studenten-Zelle werfen. Feuchtigkeit und allzu eifrige Besucher des lange wenig beachteten Raumes hatten in der Vergangenheit allerdings eine Sicherung und Restaurierung der Wandgemälde erforderlich gemacht.

Zu entdecken gibt es etwa auch diese bunte Kreidezeichnung: Zwei Studenten wandeln barfuß durch Marburgs nächtliche Oberstadt. Der eine ist im „unzüchtigen“ Nachtgewand abgebildet, der andere trägt immerhin eine Jacke und die Kappe seiner Verbindung darüber. Daneben ist zu lesen, was diese Bierwette am 25. Oktober 1904 den fröhlichen Nachtwandlern einbrachte: Einen Tag Karzerhaft für den Jackenträger, zwei für den nur im Hemd.

Schlecht ging es den „Incarcerierten“ übrigens nicht unbedingt. So wird die Verpflegung durch die Frau des Karzerwärters gelobt: „Frau Gross, 1a im Küchenfach“. Außerdem stand den Insassen eine tägliche Ration Bier oder Wein zu, bei Haft von mehr als drei Tagen war der Besuch wichtiger Vorlesungen erlaubt. Das ist der „Karzer-Ordnung“ von 1897 zu entnehmen. Außerdem durften die Delinquenten Bettzeug für die Holzpritsche mitringen, Bücher, Schreibzeug - und farbige Kreide für die Wandbemalung.

Die Gemälde wurden geduldet, solange sie nicht politisch oder unsittlich waren, wie Nail erklärt. Andernfalls mussten die Werke unter Aufsicht des Karzerwärters entfernt werden. Offensichtlich konnte dieser jedoch kein Französisch: Eine in dieser Sprache verfasste obszöne Geschichte ist an der Decke des Karzers erhalten geblieben. (dpa)

Von Martina Koelschtzky

Quelle: HNA

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