Nach Revision: Strafmaß gegen die Krebsmittel-Betrüger wird ab heute in Kassel neu verhandelt

Galavit-Bande wieder vor Gericht

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Galavit ist ein Stärkungspräparat für Krebspatienten aus russischer Produktion, das hier zu Lande in Illustrierten und im Fernsehen zum Wundermittel hochgejubelt wurde.

Kassel. Ob ein Großteil der Millionen-Beute in russischen Kanälen verschwunden oder auf fernen Inseln gebunkert ist, wird wohl nie geklärt: Das Galavit-Strafverfahren gegen eine fünfköpfige Krebsmittel-Betrügerbande aber kommt zurück ans Landgericht Kassel.

Der Bundesgerichtshof hat die Schuldsprüche der 3. Strafkammer vom Juli 2008 zwar bestätigt. Über die Höhe der Haftstrafen und Bußgelder gegen drei Kaufleute, einen Arzt und einen Journalisten muss ab heute die 1. Strafkammer allerdings neu entscheiden.

Die Angeklagten hatten in den Jahren 2000 und 2001 in der Privatklinik „Carolinum“ in Bad Karlshafen (Kreis Kassel) Spritzenkuren für umgerechnet 8500 Euro pro Behandlung an Krebspatienten verabreicht.

Galavit-Prozess: Die Akteure und das Medikament

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Galavit, ein Stärkungspräparat aus russischer Produktion, das hier zu Lande in Illustrierten und im Fernsehen zum Wundermittel hochgejubelt wurde, war in Deutschland nicht zugelassen. Explodierende Preise Die Bande bezog die Ampullen vom Hersteller über internationale Apotheken zu einem Bruchteil des Endpreises, den sie ihren überwiegend todkranken Patienten in Bad Karlshafen abknöpften.

Zwischen Moskau und Nordhessen explodierten die Preise für Galavit von rund 170 Euro auf 8500 Euro für eine 15-Ampullen-„Kurpackung“. Vorkasse war Pflicht. Auch Patienten, die sich das Geld für diese letzte Hoffnung teilweise bei Verwandten zusammenborgten, hätten sich das Präparat zum Schnäppchenpreis besorgen können.

Dies wussten die Angeklagten. Gleichwohl - so das Kasseler Landgericht im Urteil von 2008 - schwindelten sie ihren verzweifelten Kunden vor, Galavit sei in Deutschland nur schwer und nicht unter dem von ihnen verlangten Preis erhältlich. Das Urteil berechnete den Gewinn der Bande auf fast 1,2 Millionen Euro.

Wobei der Luxus-Bentley, mit dem der Kopf der Galavit-Bande durch die Gegend kutschierte, allein 5000 Euro Monatsmiete kostete. Die Hoffnungen, die die Betrüger bei ihren Opfern weckten, waren genau so falsch wie die Galavit-Preise: Die Schwerstkranken und ihre Angehörigen wurden mit angeblichen Studien zur wissenschaftlich nie belegten Wirksamkeit von Galavit hinters Licht geführt: Wenn der Krebs nicht gar geheilt werde, wurde da fabuliert, könnten sich doch Krankheitsbild und Lebensqualität verbessern.

Die allermeisten Patienten - das Urteil bezog sich auf 132 von zunächst 167 angeklagten Fällen - überlebten die „Kur“ in Bad Karlshafen nicht lange. Zimmer und Pflege dort kosteten extra. Und weil die Klinik auf Schwerstkrebskranke überhaupt nicht eingestellt war, so die Rüge im Urteil des Landgerichts, mussten Verwandte zuweilen dem Pflegepersonal zur Hand gehen.

Was während des 17-monatigen Mammutprozesses ebenfalls klar wurde: Das Treiben der Betrügerbande in Bad Karlshafen war als Probelauf für mehr gedacht. Die Drähte für die Markteinführung der Krebsspritzen-Kur in anderen Ländern waren schon gezogen.

Von Wolfgang Riek

Quelle: HNA

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