AKW für immer abgeschaltet: Biblis auf hartem Sparkurs – Suche nach neuen Jobs

Gurken, Atom – und nun?

Biblis. Ganz kurz nur blitzen die Kuppeln des Atomkraftwerks am Horizont auf - dann ist der ICE auf der Fahrt von Frankfurt nach Mannheim auch schon durch Biblis durch.

Der Atomausstieg macht auch die Meiler am südhessischen Rhein zu Abrissobjekten - das Zurück zur grünen Wiese dauert wohl 20 Jahre oder mehr. Die fetten Jahre für die 9000-Seelen-Gemeinde sind aber erst mal vorbei.

Wann genau gehen im AKW Biblis, dessen Blöcke A und B 1974 und 1976 in Betrieb gegangen sind, die Lichter aus?

Vom Netz ging der Meiler schon am 18. März 2011, als nach der Katastrophe von Fukushima Deutschlands ältesten Kernkraftwerken eine Zwangspause verordnet wurde. Für Biblis ist ein „Aus und vorbei“ daraus geworden. Offiziell heißt das derzeit Nicht-Leistungsbetriebsphase. Als Nächstes müssen die Uran-Brennstäbe aus den Reaktoren in Abklingbecken geschafft werden. Zum Abkühlen - schon das dauert. Als Jahr zum Abrissstart wird derzeit 2016 gehandelt.

Und wie geht es dann weiter?

Dann kommen die richtig teuren Jahre, für die die Stromkonzerne Milliarden ansparen mussten. Pro Meiler sind mindestens 500 Mio. Euro Rückbaukosten zu veranschlagen. Das AKW Würgassen bei Beverungen an der Oberweser wurde bekanntlich 1994 abgeschaltet - es ist immer noch nicht ganz weg.

Damit bleiben ja auch noch Jobs. Und wie sieht’s für die Gemeindekasse aus?

Bescheiden. „Das Kernkraftwerk bringt weit über 50 Prozent unserer Gewerbesteuer“, sagte Biblis’ Bürgermeisterin Hildegard Cornelius-Gaus im Sommer 2011. Und diese Gewerbesteuer lag 2009 bei 8,1 Mio. Euro, war für 2010 mit 3,2 Millionen und für 2011 sogar mit 14,4 Millionen veranschlagt. Jetzt sind die fetten Jahre vorbei.

Wer soll den Steuerausfall des Meilers ersetzen? Bis April 2013 will die Gemeinde ein Strukturwandel-Konzept fertig haben. Gaskraftwerk statt Atommeiler? Gewerbe locken mit Grundstücks-Schnäppchenpreisen? Diskutiert wird heftig.

Wovon hat Biblis eigentlich vor dem AKW gelebt?

Hauptsächlich von Gurken, heißt es in der Chronik. Das ist natürlich vorbei. Genauso wie die Atomstrombegeisterung der 70er-Jahre. „Das war eine neue Technik, eine neue Art der Stromerzeugung. Das hatte natürlich die Bevölkerung begeistert, zumal auch sehr viele Landwirte dort Gelände hatten, wo der Kraftwerkstandort zu errichten war“, erinnerte sich der spätere Bürgermeister von Biblis, Alfred Kappel, im Hessischen Rundfunk. Die Steuereinnahmen verfünffachen sich. Zudem spendierte RWE großzügig für Jugendzentrum und Vereine.

Erst Gurken, dann Atom - und nun?

Man sucht noch, wie gesagt. Und hofft auf EU-Strukturhilfe. Die Beißhemmung lässt aber auch in Kreisen nach, die lange treu zur Kernkraft standen. Matthias Wilkes, CDU-Landrat im Kreis Bergstraße, führte jüngst eine Trecker-Demo an, mit der Bauern die Auflösung des Brennelemente-Zwischenlagers in Biblis forderten: „Wir wollen die Fläche zurück.“ Wilkes, muss man dazu sagen, führt seit der Kommunalwahl 2011 Hessens erste schwarz-grüne Koalition auf Kreisebene.

Hat nicht RWE den Bau eines zehn Meter hohen Betonwalls um die Brennelementehalle beantragt?

Doch - als Folge einer Bund-Länder-Empfehlung zum Schutz der Zwischenlager gegen Terrorangriffe und Flugzeugabstürze. Landrat Wilkes sieht in einer Mauer aber keinen Schutz gegen Flugzeugabstürze und fürchtet laut HR, dass der Bau eher ein Schritt hin zum oberirdischen Endlager sei. Jetzt wird CDU-intern schon um Solidarität mit Biblis geworben. Die Brennelementehalle sei das eine, sagte Bergstraßen-CDU-Chef Michael Meister jüngst laut Medienberichten beim Kreisparteitag. Es müsse sogar noch ein zweites Zwischenlager dazukommen, für schwachradioaktive Abfälle aus dem Abbruch. Wer den Biblis-Rückbau wolle, so Meister, dürfe auch dies nicht blockieren.

Von Wolfgang Riek

Quelle: HNA

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