Eltern sagen, wo´s langgeht

Initiativen nehmen starken Einfluss auf Landesregierungen

+
Einflussreiche Wegweiser: Eltern mischen sich bei Entscheidungen in der Schulpolitik nicht nur häufiger ein, sondern haben damit auch öfter Erfolg.

Kassel. Ministerpräsident Roland Koch musste bereits erleben, wie schlagkräftig die Front der Eltern sein kann. Als seine Kultusministerin Karin Wolff 2008 das verkürzte Gymnasium forcierte, hagelte es Proteste.

Die Quittung kam zur Wahl, Minus zwölf Prozent für die CDU. Wolff war nicht länger haltbar und räumte im neuen Kabinett ihren Platz. Eltern sind zu einer neuen Macht in der Schulpolitik geworden. Der renommierte Schulforscher Klaus Klemm attestieren ihnen einen „starken Einfluss“ auf die Bildungspolitik der Länder. Der Grund dafür sei eindeutig: „Mit Schulpolitik gegen die Elternschaft sind Regierungen gescheitert. Also gehen die Politiker nun lieber auf die Forderungen ein“, sagt Klemm.

Ein schönes Beispiel, das exemplarisch ist für die Entwicklung in der Republik, spielt sich derzeit im niedersächsischen Sebexen bei Northeim ab: 40 Eltern halten ihre Botschaften trotzig in die Dunkelheit. „Ohne Lehre herrscht hier Leere!“ steht handgemalt auf einem ihrer Plakate. Sie haben sich vor einer Gaststube in Sebexen versammelt. In rustikalem Ambiente will gleich der Schulausschuss der Gemeinde ihrer Dorfschule den Garaus machen – es fehlen die Schüler, nur acht wurden 2009 eingeschult.

Doch die Eltern sind zum verbalen Kampf gerüstet und wissen den mächtigsten Mann der Gemeinde, Bürgermeister Edgar Martin, hinter sich. Sein Versprechen „Mit mir keine Schulschließung!“ brachte ihm 2006 den Wahlsieg. Emotionales Thema Schule „Schule ist ein emotionales Thema für das Bildungsbürgertum. Und diese Bevölkerungsgruppe in der Mitte der Gesellschaft entscheidet häufig den Ausgang von Wahlen“, sagt Klemm.

Hintergrund

Hier wehren sich Eltern aktuell: Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust hat gegen eine konservative Elternschaft die Einführung der sechsjährigen Grundschule durchgesetzt. Umfragen prognostizieren seiner Partei einen Wählerschwund von elf Prozent. Eine Initiative hat 184 000 Stimmen gegen die Reform gesammelt und will einen Volksentscheid durchsetzen.

Der Forscher beobachtet, dass sich der Einfluss der Eltern auf die Grundschulen und Gymnasien konzentriert. „Dort arbeiten die Netzwerke der gut situierten Familien: Anwälte, Chefärzte, leitende Angestellte. Sie haben das Know-How und die Ressourcen um die Politiker anzugreifen.“ Wo es an Elterninitiativen mangelt, hat die Politik freie Bahn. Bei der Zusammenlegung der Haupt- und Realschule, wie sie Koch auch für Hessen plant, hat es in Ländern wie Bremen, Saarland und Rheinland-Pfalz wenig Widerstand gegeben. Hier fehlt eine starke Lobby derer, die Nachteile für die Realschüler befürchten.

Insgesamt beurteilt Klemm das Engagement der Eltern positiv: Es zeige, dass die Bürger weniger obrigkeitsgläubig sind als früher. Problematisch werde der Einsatz, wenn er sich auf die eigenen Kinder beschränke. „Einige Forderungen sind zu kurzsichtig. Sie haben nur das Wohl einer Schüler-Klientel im Blick, das sich nicht immer mit dem Gemeinschaftinteresse deckt.“

Einsatz für eigene Klientel

 Für den Einsatz gegen Schulschließungen, wie sie aufgrund der demografischen Entwicklung neben Sebexen vielerorts ansteht, gibt es nachvollziehbare Gründe: Die Eltern wollen ihren Kindern einen längeren Schulweg ersparen und oft spielt sich in der Schule das kulturelle Leben im Dorf ab. Klemm wendet aber ein: „Eine Schule hat hohe Fixkosten. Hat sie zu wenig Schüler, wird Geld ausgegeben, das anderswo fehlt.“ Die Demonstration in Sebexen ist ein halbes Jahr her. Inzwischen hat der Gemeinderat die Schließung der Grundschule zum 1. August beschlossen. Der Kampf ist damit noch nicht zu Ende. Bürgermeister Martin will das Vorhaben „mit allen Mitteln“ verhindern. Die Rückendeckung der Eltern hat er sicher.

Von Bastian Ludwig

Quelle: HNA

Kommentare