„Lange nur Kellerkinder“

Interview: Prof. Bernhard Jahn-Mühl sieht Nachholbedarf in Zentralsterilisationen

Angst vor schmutzigem Besteck geht um: Unser Bild zeigt eine Knieoperation. Foto: Lothar Koch

In mehreren hessischen Krankenhäusern ist verunreinigtes OP-Besteck aufgetaucht. Wir sprachen mit einem Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin darüber.

Herr Prof. Jahn-Mühl, wie kommt es zu verschmutztem OP-Besteck?

Bernhard Jahn-Mühl: Man sollte schon unterscheiden zwischen Belägen und Verfärbungen, die gefunden wurden, und zwischen Verschmutzungen.

In Fulda war von Blutresten die Rede, das beunruhigt die Leute natürlich.

Jahn-Mühl: In Fulda sind die belasteten Instrumente zu Prüfzwecken in die Anlagen gekommen, das ist ein gängiges Verfahren. Es handelte sich nicht um Patientenblut, sondern um ein spezielles Blut für wissenschaftliche Zwecke. Man kann damit eine Blutverschmutzung simulieren. Eine Gefahr für Patienten hat nicht bestanden.

Das heißt, es wurde getestet, ob die Teile auffallen?

Jahn-Mühl: Ja, nach den Informationen, die den öffentlich zugänglichen Quellen zu entnehmen sind, war es so.

Welche anderen Ursachen kann es geben?

Jahn-Mühl: Wichtig ist auch, die Reinigungsmittel richtig zu dosieren. Bei professionellen Geräten gibt es Dosierpumpen, die regelmäßig überprüft und gewartet werden müssen. Hinzu kommt, dass heute sehr unterschiedliche Materialien gereinigt werden müssen - vom medizinischen Edelstahl über Aluminium bis zu Kunststoffen und Bestecken mit optischen Bestandteilen. Und es gibt unterschiedliche Wasserqualitäten.

Die Instrumente sind also sehr empfindlich?

Jahn-Mühl: Ja, sie sind viel empfindlicher gegenüber eigentlich völlig ungefährlichen Mineralien im Wasser als das Geschirr zu Hause. Wenn dann etwa die Enthärtung des Wassers nicht hundertprozentig funktioniert, können Beläge entstehen. Das darf natürlich nicht sein, deshalb wird der Prozess dann auch gestoppt.

Wie kommt es, dass solche Fälle jetzt häufiger auftreten?

Jahn-Mühl: Die Zentralsterilisationen waren jahrzehntelang die Kellerkinder. Die Instrumente haben sich in den letzten Jahrzehnten aber rasant weiterentwickelt, die Anforderungen an die Reinigung, Desinfektion und Sterilisation sind sehr gestiegen. Dies erfordert einen entsprechenden technischen Stand und auch die Menschen, die dort arbeiten, müssen sehr gut ausgebildet sein. Nur so können sie die komplexen Instrumente richtig behandeln. Man hat inzwischen verstanden, welche Werte durch diese Anlagen gehen und was es finanziell bedeutet, wenn plötzlich nicht operiert werden kann.

Ein hessisches Problem?

Jahn-Mühl: Nein, sicher nicht. Prinzipiell gibt es einen Nachholbedarf, um die Prozesse an die modernen Erfordernisse anzupassen. Das erfordert natürlich Investitionen.

Ist eine eigene hessische Hygieneverordnung notwendig?

Jahn-Mühl: Der Reflex, nach der Verordnung zu rufen, ist jetzt natürlich wieder groß. In der Neufassung des Krankenhausgesetzes steht aber bereits, dass die Kliniken die Vorgaben des Robert-Koch-Institutes beachten und umsetzen müssen. Das klingt pauschal, ist aber ausreichend, da in den Empfehlungen des RKI viele relevante Aspekte berücksichtigt sind.

Manche Länder haben eigene Verordnungen.

Jahn-Mühl: Es gibt bisher keine Hinweise darauf, dass die Systeme zur Infektionsverhütung dort eine geringere Infektionswahrscheinlichkeit haben. Der Grund ist einfach: Natürlich kann man eine Verordnung machen. Aber wenn ihre Einhaltung nicht überprüft wird und keine direkten Konsequenzen zur Folge haben, kann man sich die bürokratische Arbeit sparen.

Gingen Sie ohne Sorge als Patient ins Krankenhaus?

Jahn-Mühl: Ganz eindeutig ja. Natürlich gibt es dort, wo Menschen arbeiten, auch individuelles Fehlverhalten. Aber generell würde ich mich jederzeit in ein deutsches Krankenhaus legen. (wet)

Quelle: HNA

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