Junkies, Waffen, Straßenstrich: Frankfurter Bahnhofsviertel leidet unter schlechten Ruf

Im Schatten der Frankfurter Bankentürme ist die Welt bunt - aber dort sind auch Prostitution, Kriminalität und menschliches Elend zu Hause. Foto: dpa

Frankfurt. Großrazzia im Frankfurter Bahnhofsviertel, 270 Polizisten riegeln das Gebiet ab. Waffen und Drogen werden konfisziert, eine minderjährige Prostituierte aus Rumänien fliegt auf. Das Bahnhofsviertel machte seinem Ruf mal wieder alle Ehre, als die Polizei jüngst zuschlug.

Thomas Seidel, Kriminaloberrat im 4. Polizeirevier hinter dem Bahnhof, sieht es differenzierter. Natürlich sei das Viertel eine eigene Welt, ein Treffpunkt für Kriminelle und Drogenabhängige. Und doch habe sich in den letzten Jahren vieles geändert, sagt der 41-Jährige. Weil die Polizei präsent sei, offen wie verdeckt. Weil sich die Junkies stressfrei in vier Druckräumen spritzen könnten. Und weil die Stadt initiativ wurde, um das Viertel wieder zur Wohngegend zu machen.

„Bunte Vielfalt“

Die vielen stattlichen Gründerzeitbauten erzählen davon, dass hier einmal 11 000 Menschen lebten, heute sind es nur 2000. Einmal im Jahr veranstaltet die Stadt eine „Bahnhofsviertelnacht“, die den Ruf polieren soll. Von „bunter Vielfalt“ ist dann die Rede und dem „Blick hinter die Fassaden“ bis ins Bordell. Seidel findet das gut, „aber die Realität ist das nicht“.

Natürlich hängen auch heute noch traurige Gestalten vor den Druckräumen herum. Und natürlich ärgert das die Nachbarn. Direkt neben dem Café Fix an der Moselstraße zum Beispiel, wo gerade schicke Neubauten hochgezogen wurden mit edler Gastronomie. Aber, so Seidel, das sei alles kein Vergleich zu früher, als Drogensüchtige die Taunusanlage unbegehbar machten.

Als großen Erfolg feiert die Polizei die vollständige Verdrängung der Hütchenspieler, die sie 20 Jahre lang auf Trab gehalten und vornehmlich Touristen mit hoher krimineller Energie ausgenommen haben. 16 Kosovo-Albaner stehen ab Dezember vor Gericht.

Das größte Problem derzeit ist laut Seidel der illegale Straßenstrich im Bahnhofsviertel. „Die EU-Osterweiterung hat uns in dieser Entwicklung einfach überrollt.“ 280 Prostituierte, 60 Prozent drogenabhängig. Die Freier scheut das nicht: „Die Nachfrage ist exorbitant. Auf der Straße bekommt der Freier alles, was er will, und das zu Preisen, für die er im Bordell nur eine Cola bekommt.“

Die Freier bewerten die Frauen im Internet, „wenn man das liest, tun sich menschliche Abgründe auf“. Auch für einen wie Seidel, der einiges gewöhnt ist.

Die Freier kommen aus allen Schichten: vom Studenten bis zum Rentner, vom Armani-Anzugträger bis zum Obdachlosen. Oder Familienväter, die mit dem Kombi samt Kindersitzen vorfahren. Ihnen etwas nachzuweisen, sei schwierig, „sie müssen den ganzen Vorgang dokumentieren“. Wenn die Polizei Glück hat, findet sie eine Ordnungswidrigkeit: „Der Brief kommt dann nach Hause, das hat seine eigene Wirkung.“

Thomas Seidel, zu dessen Dienststelle 20 Beamte zählen, macht den Job jetzt zwei Jahre, früher war er schon mal in der AG Rotlicht. „Man bekommt hier schon immer die ganz speziellen Dinge zu sehen.“

Quelle: HNA

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